Wittgenstein: Bilder und Töpfe

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Wolfgang Sofsky
Ludwig Wittgenstein: Bilder und Töpfe

LWittgensteinIn Wittgensteins „Philosophischen Untersuchungen“ findet sich ein Hinweis, der zahlreiche medien- oder kulturtheoretische Elaborate ersetzt:

„Freilich, wenn das Wasser im Topf kocht, so steigt der Dampf aus dem Topf und auch das Bild des Dampfes aus dem Bild des Topfes. Aber wie, wenn man sagen wollte, im Bild des Topfes müsse auch etwas kochen“ (297).

Der Aufstieg des Dampfes aus dem Topf ist offenbar von anderer Art als der „Aufstieg“ eines Bildes vom Dampf aus dem Bild des Topfes, geschweige denn der Aufstieg eines kochenden Bildes vom Dampf aus dem kochenden Bild des Topfes mit oder ohne kochendes Wasser. Auf der Verwechslung dieser Phänomene entstehen mancherlei Verwirrungen des Geisteszustands, aus denen wiederum zahllose Diskurse, Aufsätze und Artikel aufzusteigen pflegen über Sätze, Bilder, Wirklichkeiten, Bildwirklichkeiten, eingebildete Wirklichkeiten, eingebildete Bilder und wirre Tröpfe vor leeren Töpfen.

© W.Sofsky 2016

Ludwig Wittgenstein über Frazers „The Golden Bough“

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Wolfgang Sofsky
Ludwig Wittgenstein über Frazers „The Golden Bough“

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Zu den aufmerksamsten, wenngleich unwilligsten Lesern von Frazers „Goldenem Zweig“ gehörte Ludwig Wittgenstein. Wie Frazer hielt sich Wittgenstein in den 30er Jahren in Cambridge auf. Daß sich die beiden je begegneten, ist unbekannt. Frazer, der viktorianische Ethnologe im Geiste des Evolutionismus, hatte fast sein ganzes Gelehrtenleben am Trinity College zugebracht. Er war in den 1930ern Jahren bereits in den späten 70ern und fast blind. Wittgenstein war 35 Jahre jünger und hatte vor dem Großen Krieg am Trinity College studiert. 1929 wurde er in Cambridge mit dem „Tractatus“ promoviert, gab in den 30ern Kurse und Vorlesungen, wurde jedoch erst 1939 auf den Lehrstuhl von G.E.Moore berufen. 1930 ließ er sich aus dem ersten Band von Frazers 12bändigem Werk vorlesen, später besaß er als Leseexemplar die einbändige Ausgabe von 1922. Im Sommer 1931 notierte er einige Bemerkungen in sein Manuskriptbuch….

siehe: https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/08/10/wittgenstein-ueber-frazers-the-golden-bough/

James George Frazer: Hanged God

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James George Frazer: Hanged God

Frazer

In einigen Religionen gibt es nicht nur die Vorstellung, daß Götter sterben und alsdann erneut aufstehen, sondern auch eine mythische Erzählung, wonach ein Gott oder Dämon an einen Baum aufgehängt wird. Das bekannteste Exemplum ist der christliche Jesus, der am arbor infelix stirbt, die Lanze in die Seite gestoßen. Aber auch der nordische Odin gehört in den Kreis der „hanged gods“. Gelegentlich wird ein Gott – wie Adonis oder Attis – geopfert, um das Wachstum der Vegetation zu fördern; manchmal opfert er sich – wie Odin – selbst, um in die Weisheit der Welt eingeweiht zu werden. Mitunter werden jedoch auch andere Lebewesen an Bäumen geopfert, wie der vorwitzige phrygische Satyr Marsyas, der es musikalisch mit Apoll aufnehmen wollte. Sir Frazer, der große Religionsethnologe und Anthropologe, hat im „Golden Bough“, diesem Kompendium religiöser Tötungsriten, Opferfeuer, Fruchtbarkeitszaubereien, Tabus und magischen Praktiken zum fraglichen Motiv ein paar Hinweise gesammelt….

https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/08/08/james-george-frazer-hanged-god/

Ezra Pound: Boja d´un Dio

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Ezra Pound: Boja d´un Dio

Pounds Canto XXVIII beginnt mit einer lokalen Variante der christlichen Schöpfungslegende, die allerdings in gelinder  Blasphemie endet. In der Romagna, dem Landstrich zwischen Po und Apennin, erzählte man sich, der erste Mensch sei ein „Romagnolo“ gewesen, den Gott bei all der Arbeit fast vergessen hätte. So es heißt es bei Pound:…

https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/08/06/ezra-pound-boja-dun-dio/

Sam Francis: Weißzellen

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Sam Francis: Weißzellen

Francis, Sam, Grey Space

Anfang der 1950er Jahre malte Sam Francis, gerade in Paris angekommen und fest gewillt, dem Einfluß des Abstrakten Expressionismus zu entgehen, einige weiße Bilder. Seine Reise nach Europa kommentierte er 1988 in einem Gespräch: „Ich wollte einfach nach Paris gehen; mir war nicht bewußt, was ich tat. Ich bin meinen Weg gegangen. Ich wollte mich außerhalb der USA aufhalten. Ich hatte das Gefühl, in einem Gefängnis zu leben, und ich wollte die europäische Kunst sehen. Ich wollte die wahre Malerei sehen, ganz gleich welche.“ Bevor er jedoch bei Bonnard, Gauguin, Matisse und vor den Seerosen Monets die Farbe für sich entdeckte und sie daraufhin zur Explosion brachte, sorgte er für tabula rasa, monochrome Bilder in milchigem Weiß und Grau, mit biomorphen, zellenartigen Gebilden, dünnflüssig lasiert oder in tropfenden Schlieren sich auflösend….

siehe: https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/08/04/sam-francis-weisszellen/

William Hogarth: Aberglauben und Fanatismus

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Wolfgang Sofsky
William Hogarth: Aberglauben und Fanatismus

hogarthcredulityDaß Frömmelei und Fanatismus keine Spezialität einer Religion sind, bezeugt ein Druck des englischen Malers und Kupferstechers William Hogarth aus dem Jahre 1761. Er spottet über die religiöse Inbrunst der Methodisten, einer strenggläubigen, gesinnungs- und lebensstrengen, von diversen Erweckungen heimgesuchten Kirche des Protestantismus. Georg Christoph Lichtenberg hat – wie üblich – im Göttinger Taschenkalender von 1787 einzelne Motive des Stichs über „Leichtgläubigkeit, Aberglauben, Fanatismus“ kommentiert und auch etwas zum tieferen Sinn gezielter Verspottung bemerkt: „Inwieweit aber alsdann die Satire gerecht oder ungerecht wäre, zu entscheiden, ist hier der Ort nicht, auch ist es nicht nöthig. Wenn wir nur darin eins sind, daß es solche Thoren und Betrüger… überall gibt, und daß sie sich täglich mehr ausbreiten, so kann es uns gleichgültig seyn zu wissen wie sie heißen und welche Secte die meisten liefert.“

Von hoher Kanzel predigt der Pastor auf die Gemeinde ein, unter dem Talar trägt er das Rautenkostüm des Harlekin….

siehe: https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/08/03/william-hogarth-aberglauben-und-fanatismus/

Grillparzer: Über Politik und Eselei

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Grillparzer: Über Politik und Eselei

Franz Grillparzer war ein regelmäßiger Tagebuchschreiber. Geboren 1791, im Todesjahr Mozarts, und gestorben ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Reiches, erlebte er nicht nur die Wechsel des Kunstgeschmacks, sondern auch die napoleonischen Kriege, die Restauration Metternichs, diverse Revolten, Kriege, Repressionen und die deutsche Gemütsneigung zu Träumerei, Idealismus und Wirklichkeitsverleugnung. Seine Bemerkungen sind bisweilen mißvergnügt, gallig, aber stets unbestechlich. Hier einige Proben:

„Die sogenannte moralische Ansicht ist der größte Feind der wahren Kunst, da eine der Hauptvorzüge dieser letztern gerade darin besteht, daß man durch ihr Medium auch jene Seiten der menschlichen Natur genießen kann, welche das Moralgesetz mit Recht aus dem wirklichen Leben entfernt hält.“ (1830)

„In gewissen Ländern scheint man der Meinung, drei Esel machten zusammen einen gescheiten Menschen aus. Das ist aber grundfalsch. Mehrere Esel in concreto geben den Esel in abstracto, und das ist ein furchtbares Tier.“ (1838)

„Bei Beurteilung der politischen Ereignisse kann als Regel dienen, daß hinter allem, was den Anschein des Unverfänglichen hat, ein geheimer Plan steckt, wogegen das, was planmäßig zu sein scheint, gewöhnlich keinen Hintergrund hat als die vollkommene Gedankenlosigkeit.“ (1838)

„Die Regierung soll durch die Presse ebensogut belehrt werden als die Privaten, also kann die Regierung auf die Presse keinen Einfluß ausüben.“ (1848)

„Die Schurken sind immer praktisch tüchtiger als die ehrlichen Leute, weil ihnen die Mittel gleichgültig sind.“ (1848)

„Der östreichische Staat hat sich rekonstruiert, d. h. mit einigen neuen aufgedrungenen Formen auf die alten Grundlagen wiederhergestellt: Gewalt und Dummheit. Aber die Gewalt kann nicht dauern, weil man die Armee auf die Länge nicht bezahlen kann, und die Dummheit hält nicht Stich, weil man, um auch nur den materiellen Fortschritten der Nachbarn die Waage zu halten oder ausgiebige Steuerobjekte zu haben, den Verstand nicht entbehren kann. Ob aber der Verstand, wenn er sich an allem übt, den Aberglauben verschonen wird, ist eine oder vielmehr keine Frage. Was dann? Wenn Gehorsam, Ehrenhaftigkeit und Rechtschaffenheit, ohne der innern Überzeugung Spielraum zu geben, nur halb erzwungen, halb aus den Geboten einer Religion hergeleitet werden, die sich überlebt hat und zu voller Wirksamkeit nie mehr zurückkehren wird, wo soll man diese notwendigen Elemente jedes geordneten Staatslebens irgend hernehmen? Abgerechnet davon, daß die Untertanen vielleicht keine Lust haben, Wortbrüchigkeit und Treulosigkeit als ein Hoheitsrecht, als ein privilegium exclusionis der Regierung zu betrachten.“ (1852)

© WS 2016

Bilder der Gewalt

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Wolfgang Sofsky
Todesarten. Bilder der Gewalt

BookCoverImageDas Buch „Todesarten. Bilder der Gewalt“, das mehrere Jahre vergriffen war, ist als Paperback erhältlich. Für Leser, die sich für Kunst, Gewalt, Mythen, Religion und präzise Bildbetrachtung interessieren.

Wolfgang Sofsky, Todesarten. Bilder der Gewalt, br., 280 S., 30 sw Abb., 16,80 €
Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform 
ISBN-13: 978-1518707629
ISBN-10: 1518707629
Verkauf und Versand weltweit durch Amazon (amazon.de, com, fr, co.uk).

© WS 2016

Caprichos 2014 und 2015 (Buchausgabe)

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Wolfgang Sofsky
Caprichos 2014 und 2015

Die Caprichos der Jahre 2014 und 2015 liegen als Buch vor:

Caprichos 2014:

LichtFiLichte Finsternis. Portraits, Analysen, Maskeraden, 288 Seiten, br., SW-Abb.,
16,90 €;ISBN: 978-3-7347-7322-8, Verlag BoD, Norderstedt 2015.
(erhältlich in allen Online-Shops und im Buchhandel)

Caprichos 2015:

CoverAbgründe

Abgründe. Einfälle, Ausfälle, Gedankenfälle,
348 Seiten, br.,  SW-Abb., 16,80 €; 16 USD; 10 GBP.

ISBN-13: 978-1519741615, ISBN-10: 1519741618,
Verlag CreateSpace Independent Publ. Platform 2016.
Verkauf und Versand weltweit durch Amazon 

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Verethragna

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Verethragna

verethragna

Er ist schwerbewaffnet, strotzt vor Kraft und bringt stets den Sieg. Seine Potenz ist unermeßlich, aber er hat auch die Fähigkeit, Verletzte zu heilen. Er ist schneller als der Wind, und er vermag sich in mächtige Tiere zu verwandeln, in einen Bullen mit goldenen Hörnern, einen Bären, ein Kamel oder einen Schimmel mit Ohren aus Gold. Er beherrscht das Feuer, das den Sieg bringt, und er regiert den Planeten des Krieges. Aber Verethragna ist auch ein großer Jäger, der die Menschen mit Fleisch versorgt. Unweit des Berges Sanbulos weit hinter Ninive, dessen Lage  indes bis heute nie genau zu bestimmen war, wurde er unter dem Namen Hercules verehrt. Zu einer bestimmten Zeit…

siehe: https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/08/01/verethragna/

Tacitus: Sturz in die Knechtschaft

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Tacitus: Sturz in die Knechtschaft

tacitus

Die „Annalen“ des römischen Menschenbeobachters Tacitus lassen sich unschwer als Geschichte der Knechtschaft unter den Kaisern des ersten Jahrhunderts n.Chr. lesen. Nach dem Tod des Augustus begann das Regime des Tiberius mit der Ermordung des Postumus Agrippa. Der neue Kaiser gab ob dieses Vorfalls vor dem Senat keine weitere Erklärung ab. Dem Centurio, welcher die Tat vollbracht hatte, gab er den Bescheid, er habe keinen Befehl erteilt und jener müsse sich vor dem Senat selbst rechtfertigen. Tiberius lag es fern, die Macht des Principats dadurch zu schmälern, daß er alles vor den Senat bringe.

„Denn der Grundsatz jeder herrscherlichen Gewalt sei es, daß ein Rechenschaftsbericht nur dann in Ordnung sei, wenn er allein dem Herrscher erstattet werde….

siehe: https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/07/31/tacitus-sturz-in-die-knechtschaft/

„Beziehungstat“?

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Wolfgang Sofsky
„Beziehungstat“ ?

In Reutlingen erstach ein junger Syrer namens Mohamad mit einem Dönermesser die doppelt so alte Polin Jolanta K. auf offener Straße. Er hatte ihr nachgestellt, wollte sie angeblich sogar heiraten, war aber von der vierfachen Mutter nicht erhört worden. Nach dem Mord rannte der Täter dönermesserschwingend durch die Stadt  und verletzte fünf Menschen, die er nicht gekannt hatte. Die Polizei spricht beharrlich beschwichtigend von einer „Beziehungstat“, obwohl das „Verhältnis“ eines Stalkers zu seinem Opfer auch bei sozialer Bekanntschaft eher eine einseitige Beziehung ist. Die fünf Verletzten indes wußten nichts von einer Beziehung zu dem dönermesserschwingenden Täter.

© WS 2016

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