Neuerscheinung: „Lautlos“

Wolfgang Sofsky
Neuerscheinung: „Lautlos“

Liebe Leser der „Caprichos“,
soeben ist erschienen:

Lautlos
Verlag: Createspace Independent Publishing, London/Leipzig/Wroclaw,
ISBN-10: 154545602X
ISBN-13: 978-1545456026
br., 104 Seiten, 7,60 €; 8,20 USD; 6,30 GBP.
zu beziehen über Amazon (de, fr., co.uk, com):

https://www.amazon.de/dp/154545602X/ref=sr_1_25?ie=UTF8&qid=1493034995&sr=8-25&keywords=sofsky
sowie: Createspace eStore: https://www.createspace.com/7098528

„Lautlos“ versammelt 71 kurze Geschichten über Menschen und Tiere, Geister und Götter. Manche handeln von wirklichen Vorkommnissen, andere von irrealen oder surrealen Begebenheiten. Unter den ernsten Stücken sind auch mehrere von eher heiterer Natur. Einige Geschichten haben eine tiefere Bedeutung, andere nicht.

© WS 2017

Günter Eich: Der Gott der Taubstummen

Wolfgang Sofsky
Günter Eich: Der Gott der Taubstummen

 

In Günter Eichs Taubstummenhörspiel „Man bittet zu läuten“, telefoniert der Pförtner der Anstalt gelegentlich mit seinen Pilzfreunden, deren Verein er vorsteht. Zwischendurch unterhält er sich mit den Taubstummen, ihre Sprache beherrscht er perfekt. Er teilt den Hörern auch mit, was Taubstumme denken, wenn sie schweigen, eingedenk der Einsicht, daß Menschen, auch wenn sie schweigen, durchaus denken, ja, sogar grundsätzliche, um nicht zu sagen metaphysische Gedanken zu haben pflegen: „Je mehr man redet, desto mehr fällt einem ein. Schweigen ist Dummheit. Oder Atheismus. Die Taubstummen sprechen gegen Gott, deswegen sind sie taubstumm.“

Novalis: Tropenrepublik

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Wolfgang Sofsky
Novalis: Tropenrepublik

novalis

In den Fragmenten aus dem zweiten Halbjahr 1799, als er aus Freiberg nach Weißenfels zurückgekehrt war, um erneut in die Verwaltung der kursächsischen Salinen einzutreten, finden sich zwei hellsichtige Bemerkungen des  Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg, die unter den vielen religionstreuen und staatsornamentalen Betrachtungen deutlich hervorstechen:

https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/09/09/novalis-tropenrepublik/

Grillparzer: Über Politik und Eselei

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Wolfgang Sofsky
Grillparzer: Über Politik und Eselei

Franz Grillparzer war ein regelmäßiger Tagebuchschreiber. Geboren 1791, im Todesjahr Mozarts, und gestorben ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Reiches, erlebte er nicht nur die Wechsel des Kunstgeschmacks, sondern auch die napoleonischen Kriege, die Restauration Metternichs, diverse Revolten, Kriege, Repressionen und die deutsche Gemütsneigung zu Träumerei, Idealismus und Wirklichkeitsverleugnung. Seine Bemerkungen sind bisweilen mißvergnügt, gallig, aber stets unbestechlich. Hier einige Proben:

„Die sogenannte moralische Ansicht ist der größte Feind der wahren Kunst, da eine der Hauptvorzüge dieser letztern gerade darin besteht, daß man durch ihr Medium auch jene Seiten der menschlichen Natur genießen kann, welche das Moralgesetz mit Recht aus dem wirklichen Leben entfernt hält.“ (1830)

„In gewissen Ländern scheint man der Meinung, drei Esel machten zusammen einen gescheiten Menschen aus. Das ist aber grundfalsch. Mehrere Esel in concreto geben den Esel in abstracto, und das ist ein furchtbares Tier.“ (1838)

„Bei Beurteilung der politischen Ereignisse kann als Regel dienen, daß hinter allem, was den Anschein des Unverfänglichen hat, ein geheimer Plan steckt, wogegen das, was planmäßig zu sein scheint, gewöhnlich keinen Hintergrund hat als die vollkommene Gedankenlosigkeit.“ (1838)

„Die Regierung soll durch die Presse ebensogut belehrt werden als die Privaten, also kann die Regierung auf die Presse keinen Einfluß ausüben.“ (1848)

„Die Schurken sind immer praktisch tüchtiger als die ehrlichen Leute, weil ihnen die Mittel gleichgültig sind.“ (1848)

„Der östreichische Staat hat sich rekonstruiert, d. h. mit einigen neuen aufgedrungenen Formen auf die alten Grundlagen wiederhergestellt: Gewalt und Dummheit. Aber die Gewalt kann nicht dauern, weil man die Armee auf die Länge nicht bezahlen kann, und die Dummheit hält nicht Stich, weil man, um auch nur den materiellen Fortschritten der Nachbarn die Waage zu halten oder ausgiebige Steuerobjekte zu haben, den Verstand nicht entbehren kann. Ob aber der Verstand, wenn er sich an allem übt, den Aberglauben verschonen wird, ist eine oder vielmehr keine Frage. Was dann? Wenn Gehorsam, Ehrenhaftigkeit und Rechtschaffenheit, ohne der innern Überzeugung Spielraum zu geben, nur halb erzwungen, halb aus den Geboten einer Religion hergeleitet werden, die sich überlebt hat und zu voller Wirksamkeit nie mehr zurückkehren wird, wo soll man diese notwendigen Elemente jedes geordneten Staatslebens irgend hernehmen? Abgerechnet davon, daß die Untertanen vielleicht keine Lust haben, Wortbrüchigkeit und Treulosigkeit als ein Hoheitsrecht, als ein privilegium exclusionis der Regierung zu betrachten.“ (1852)

© WS 2016

H.Ch. Andersen: Weiße Korallen

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Wolfgang Sofsky
H.Ch. Andersen: Weiße Korallen

andersen1869

„Das Wetter änderte sich wirklich. Dicker, feuchter Nebel lag gegen Morgen über der ganzen Gegend; als es Tag wurde, begann es zu wehen; der Wind war so eisig, der Frost packte ordentlich zu, aber was war das für ein Anblick, als die Sonne aufging! Bäume und Büsche waren mit Rauhreif bedeckt; es sah aus wie ein Wald von weißen Korallen, es war, als ob alle Zweige mit strahlend weißen Blüten übersät wären….
siehe: https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/07/21/h-ch-andersen-weisse-korallen/

Knigge: Der Herzdrücker

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Knigge: Der Herzdrücker

junckerhollande„Reiche nicht jedem Deine rechte Hand dar. Umarme nicht jeden. Drücke nicht jeden an Dein Herz… Wer wird Deinen Freundschaftsbezeigungen trauen, ihnen Wert beilegen, wenn Du so verschwenderisch in Austeilung derselben bist?“ Adolph Freiherr von Knigge, Über den Umgang mit Menschen, 1788)

© WS 2016

Hugo Ball: Der magische Bischof

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Wolfgang Sofsky
Hugo Ball: Der magische Bischof

bischofball

Was Hugo Ball vor hundert Jahren, am 14.Juli 1916, im Zunfthaus zur Waag tatsächlich vorgetragen hat, ob ein dadaistisches Gründungs-, Abschieds- oder Nullmanifest, ist nach Sichtung der Quellen und trotz aller Erfindung von Traditionen schlichtweg unbekannt. Dada hatte ohnehin, wie manch andere Avantgarde, die Neigung, sich in Manifesten zu manifestieren. Anhänger, Adepten und Historiker mißverstanden solche Texte oft als wörtliches Glaubensdokument, obwohl ein Dada-Manifest auch nur Dada ist.

Weit interessanter ist ein anderer Bericht Hugo Balls, derjenige vom Abend des 23.6.1916, als er sich in eine Art kubistisches Bischofskostüm zwängte und einige Lautgedichte vortrug,…

https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/07/14/hugo-ball-der-magische-bischof/

Samuel Beckett: Über Belacqua, Beatrice und den Ursprung der Mondflecken

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Wolfgang Sofsky
Samuel Beckett: Über Belacqua, Beatrice und den Ursprung der Mondflecken

Im zweiten Gesang des Paradiso setzt Beatrice, die Dante durch die himmlischen Sphären geleitet, zu ausführlichsten Erörterungen an, den Ursprung der Mondflecken betreffend. Die Frage entlockte ihr zwar nur ein müdes Lächeln. Doch dann weist sie die Hypothese des Averroes in aller Umständlichkeit zurück. Die Flecken rühren nicht von der unterschiedlichen Dichte des ätherischen Mondkörpers her, denn unterschiedliche Merkmale von Himmelskörpern müssen mittels unterschiedlichen Ursachen erklärt werden, und bei einer Mondfinsternis müßte die Sonne ja regelrecht durch die dünnen Löcher hindurchscheinen, was offensichtlich nicht der Fall ist. Sodann legt sie Gedanken über den Zusammenhang von Helligkeit, Spiegel und Dichteschichten dar, wobei sie naturgemäß von der Astronomie des Sonnensystems wie von der Physik der Lichtwellen noch Lichtjahre entfernt ist. Der langatmige Diskurs führt in manche Sackgasse, denn die Widerlegung falscher Thesen mit falschen Argumenten hinterläßt zuletzt nur falsche Ideen…

siehe: https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/07/13/samuel-beckett-ueber-belacqua-beatrice-und-den-ursprung-der-mondflecken/

Erasmus: Torheit Religion

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Erasmus: Torheit Religion

erasmus

Nach ausführlicher Erörterung des Beitrags der Stände und Berufe zur Verbreitung der Narretei faßt Stultitia, die es besonders gut mit ihresgleichen meint, ihre Erwägungen, die Religion betreffend, zusammen: „.. ,daß die christliche Religion offensichtlich eine gewisse Verwandtschaft zur Torheit hat, dagegen weit weniger mit der Weisheit übereinstimmt. Wollt ihr einen Beweis für diesen Sachverhalt,…

siehe: https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/06/12/torheit-religion/

Alfred Döblin: Unter „Staatsfeinden“

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Wolfgang Sofsky
Alfred Döblin: Unter „Staatsfeinden“

Döblin„Das Deutsche Reich ist eine Republik, und wers nicht glaubt, kriegt eins ins Genick. In der Köpenicker Straße an der Michaelkirchstraße ist Versammlung, der Saal ist lang und schmal, Arbeiter, junge Männer mit Schillerkragen und grünen Kragen sitzen auf Stuhlreihen hintereinander, Mädchen und Frauen, Broschürenverkäufer gehen herum. Auf dem Podium hinterm Tisch zwischen zwei andern steht ein dicker Mann mit halbkahlem Kopf, hetzt, lockt, lacht, reizt.

»Schließlicherweise sind wir nicht dazu da, um aus dem Fenster rauszureden. Das können die im Reichstag tun. Hat mal einer einen von unsere Genossen gefragt, ob er nicht inn Reichstag will. Inn Reichstag, mit der Goldkuppel drauf und Klubsessel drin. Hat er gesagt: Weeste, Genosse, wenn ick det mache und geh inn Reichstag, dann wär da bloß noch ein Lump mehr. Zum Schornstein rausreden, dazu haben wir keine Zeit, da verpufft alles. Da sagen die Kommunisten ohne Listen: wir wollen Entlarvungspolitik treiben. Was dabei herauskommt, haben wir gesehen; die Kommunisten sind selbst korrumpiert worden, wir brauchen kein Wort zu verlieren an die Entlarvungspolitik. Das ist Schwindel, und was da zu entlarven ist, das sieht in Deutschland ein Blinder, und dazu braucht man nicht inn Reichstag zu gehen, und wer das nicht so sieht, dem ist eben nicht zu helfen, nicht mit Reichstag und nicht ohne Reichstag. Daß die Quatschbude zu nichts gut ist, als um das Volk einzuseifen, das wissen alle Parteien außer den sogennanten Vertretern des arbeitenden Volkes.

Unsere guten Sozialisten. Na, es gibt nu schon religiöse Sozialisten dabei, und das ist nu noch der Punkt auf dem i: die müssen alle religiös werden, sollen man alle zum Pfaffen laufen. Denn ob der Mann, zu dem sie laufen, Pfaffe ist oder Bonze, ist egal; die Hauptsache: es wird pariert. [Zuruf: Und geglaubt.] Das sowieso. Die Sozialisten wollen nichts, wissen nichts, können nichts. Sie haben im Reichstag immer die meisten Stimmen, aber was sie damit machen sollen, wissen sie nicht, ja doch, auf Klubsessel sich setzen und Zigarren rauchen und Minister werden. Und dazu haben dann die Arbeiter ihre Stimme hergegeben, ihre Groschen am Zahlabend aus der Tasche rausgeholt es werden noch fuffzich oder hundert Männer auf Kosten der Arbeiter dick. Die Sozialisten erobern nicht die staatspolitische Macht, sondern die staatspolitische Macht hat die Sozialisten erobert. Man wird alt wie eine Kuh und lernt noch immer was dazu, aber solche Kuh wie der deutsche Arbeiter soll noch geboren werden. Immer wieder nehmen deutsche Arbeiter den Stimmzettel in die Hand, gehen ins Lokal und geben ihn ab und denken, damit ist es getan. Sie sagen: wir wollen im Reichstag unsere Stimme erschallen lassen; na, da können sie lieber gleich einen Gesangverein gründen.

Genossen und Genossinnen, wir nehmen keinen Stimmzettel in die Hand, wir wählen nicht. Uns ist an sonem Sonntag ne Landpartie gesünder. Und warum? Weil der Wähler festgelegt wird auf die Gesetzlichkeit. Gesetzlichkeit aber ist die grobe Gewalt, die Brachialgewalt der Herrschenden. Die Wahlpfaffen wollen uns verleiten, da gute Miene zu machen, sie wollen vertuschen, sie wollen verhindern, daß wir merken, was Gesetzlichkeit ist und was der Staat ist, und wir können durch keine Löcher und keine Türen in den Staat hinein. Höchstens als Staatsesel und Lastenträger. Und darauf habens die Wahlpfaffen abgesehen. Die wollen uns ködern und zu Staatseseln erziehen. Sie haben es bei der Mehrzahl der Arbeiterschaft längst erreicht. Wir sind in Deutschland im Geiste der Gesetzlichkeit erzogen. Aber Genossen, man kann nicht Feuer und Wasser verbinden, das soll der Arbeiter wissen.

Die Bürgerlichen und die Sozialisten und die Kommunisten schreien in einem Chor und freuen sich: Aller Segen kommt von oben. Vom Staat, vom Gesetz, von der hohen Ordnung. Es ist aber auch danach. Für alle, die im Staat leben, sind Freiheiten in der Verfassung festgelegt. Da liegen sie fest. Die Freiheit, die wir brauchen, die gibt uns niemand, die müssen wir uns nehmen. Diese Verfassung will die vernünftigen Menschen aus der Verfassung bringen, aber was macht ihr, Genossen, mit Freiheiten, die auf dem Papier stehen, mit geschriebenen Freiheiten? Wenn ihr wo eine Freiheit braucht, kommt ein Grüner, haut euch aufn Kopp; schreist du: wat soll det, in der Verfassung steht so und so, sagt er: Quatsch nich, Krause, und recht  hat er; der Mann kennt keine Verfassung, sondern sein Reglement, und den Knüppel hat er dazu, und da hast du das Maul zu halten…

Es ist doch nur ein ewiger Kreislauf der Blindheit, es bleibt doch nur alles beim alten. Der Parlamentarismus verlängert das Elend der Arbeiterschaft. Sie reden auch von einer Krise der Justiz, und man muß die Justiz reformieren, reformieren an Haupt und Gliedern, die Richterschaft soll erneuert werden, sie soll republikanisch gemacht werden, staatserhaltend, gerecht. Wir wollen keine neuen Richter. Wir wollen statt dieser Justiz überhaupt keine andere Justiz. Wir stürzen die ganzen Staatseinrichtungen durch die direkte Aktion. Wir haben die Mittel dazu: Verweigerung der Arbeitskraft. Alle Räder stehen still. Aber das ist kein Lied zum Singen. Wir, Genossen und Genossinnen, lassen uns nicht einlullen durch Parlamentarismus, Fürsorge, den ganzen sozialpolitischen Schwindel. Wir kennen nur Feindschaft gegen den Staat —, Gesetzlosigkeit und Selbsthilfe…

Mit der Entstehung des Staats beginnt die Zeit der künstlichen Organisation von oben nach unten. Jetzt wird der einzelne zur Marionette, ein totes Rad in einem ungeheuren Mechanismus. Wacht auf! Wir erstreben nicht wie alle andern die Eroberung der politische Macht, sondern ihre radikale Beseitigung. Arbeitet nicht mit den sogenannten gesetzgebenden Körperschaften: der Sklave soll da nur veranlaßt werden, seiner eigenen Sklaverei den Stempel des Gesetzes aufzudrücken. Wir verwerfen alle willkürlich gezogenen politischen und nationalen Grenzen. Der Nationalismus ist die Religion des modernen Staates. Wir verwerfen jede nationale Einheit: dahinter verbirgt sich die Herrschaft der Besitzenden. Wacht auf!“

(Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz, Sechstes Buch (1929))

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Gottfried Benn: „Geschmeiß“

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Wolfgang Sofsky
Gottfried Benn: „Geschmeiß“

benn2Am 19.10.1938 schrieb Oberstabsarzt Gottfried Benn, den F.J.Raddatz nicht zu Unrecht einmal als „Metzelzunge“ tituliert hat, war er doch höchstlichst begabt für treffende, zutreffende und unzutreffende Beleidigungen, an seinen Brieffreund Friedrich Wilhelm Oelze über die Menschheit, insbesondere die Menschheit deutscher Nationalität: „Es giebt nur 2 Dinge: dreckige Menschheit u. einsames schweigendes Leiden – keine Grenzverschiebungen! Hassenswertes, dummes, kindererzeugendes, Wohnung suchendes, omnibusbesteigendes, aufbauendes, weibersichzuwedelndes, plauderndes, gebildetes, ehrbar strebendes, redliches, meinungsäußerndes, mädchenengagierendes, ferienverbringendes, ostseefrohes, Sachzusammenhänge erörterndes Geschmeiß von Bremen bis Villach u. Domodossola bis Kurische Nehrung“. (Benn, Briefe I: Briefe an F.W.Oelze 1932-1945, Wiesbaden 1977, S.203).

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Goya: Goldschnabelpredigt

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Wolfgang Sofsky
Goya: Goldschnabelpredigt

GoyaCapricho53

Das Capricho Nr.53 von Franscisco Goya, dem größten aller Satiriker und steten Feind christlicher Bigotterie, porträtiert den Kanzelredner und das andächtig lauschende Auditorium. „Welch goldener Schnabel“ lautet der Bildkommentar. Welch goldene Worte enthält das sinnlose Gekrächze des Papageis. Der Prado-Kommentar, immer bemüht der satirischen Attacke die Spitze zu kappen und die Kirche ungeschoren zu lassen, redet von einer „akademischen Sitzung“ faselnder Ärzte. Doch unter den Zuhörern der Versammlung (man darf dabei getrost an öffentliche Kirchentreffen denken, zu denen Gläubige zu Zehntausenden zusammenströmen), sind viele Mönche; und der Papagei ist ein Priester, der auf der Kanzel nachbetet, was man seit Jahrhunderten vorbetet.

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Arthur Koestler: Umdressur

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Wolfgang Sofsky
Arthur Koestler: Umdressur

koestler1947

Lenskis Rundbrief vom 17.5. deutet die Verinnerlichung der Gedankenkontrolle an. Man nehme die Berichte aus den Zellen der Kommunistischen Partei! Der Beitritt ist zunächst freiwillig, aber der Novize durchläuft eine Art Probezeit mit Schulungen, Instruktionen, manchmal hat er einen informellen Mentor oder Tutor. Wirklich erfolgreich ist die Gedankenkontrolle erst, wenn ihr Opfer selbst seine Gedanken zu überwachen beginnt und sich für unerwünschte Regungen selbst bestraft, wenn Schuldgefühle, Schuldangst, Gewissensnot, Selbstkasteiung, Selbstkritik zum persönlichen Habitus werden. Die Pflicht zu kollektiver Gedankenselbstkontrolle im Sinne der Parteiinie kennt man aus Beschreibungen, wie sie Arthur Koestler in seinen autobiographischen Texten gegeben hat. Koestler war bekanntlich KP-Mitglied von 1931-38, bis er mit der Bewegung brach. Er hatte im Gegensatz zu unzähligen intellektuellen Irrläufern recht bald begriffen, daß politische Religionen keine  Sache der Vernunft, sondern des Glaubens sind. In den Zellen gingen Wort- und Gedankenkontrolle Hand in Hand. Die Gruppe, die Partei hatte immer recht, auch wenn sie abrupt die Linie wechselte….

siehe: https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/05/18/arthur-koestler-umdressur/

Kunst der Beleidigung

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Wolfgang Sofsky
Kunst der Beleidigung

Bevor die Kunst der Beleidigung gänzlich in Verruf gerät und von der „Moral“ der Betulichkeit erstickt wird, hier noch einige Kostproben, zur allseitigen Übung und Nachahmung empfohlen:
„Mit größerer Majestät ist wohl noch nie ein Verstand stillgestanden.“
Georg Christoph Lichtenberg über Friedrich Gottlieb Klopstock

„Der Kopf von Dumas gleicht einem Gasthof, wo manchmal gute Gedanken einkehren, die sich dort aber nicht länger als eine Nacht aufhalten; sehr oft steht er leer.“ Heinrich Heine über Alexandre Dumas

„Er verpißt nur klares Wasser.“  Gustave Flaubert über Alphonse de Lamartine

„Wenn Sie zehn Minuten lang laut André Gide lesen, fangen Sie an, übel aus dem Mund zu riechen.“ Francis Picabia über André Gide

„Es gab diesen Thomas Mann, welcher die Bügelfalte zum Kunstprinzip erhob – und mehr brauchte man von ihm nicht zu wissen.“ Alfred Döblin über Thomas Mann

„Wenn ich ein Gedicht von Wilhelm Lehmann lese, denke ich immer, dagegen ist eine Schnecke ein Wirbeltier.“ Gottfried Benn über Wilhelm Lehmann

„Nach Dada kommt Caca.“  André Gide über Jean-Paul Sartre

„Er hat eine neue Mätresse? Unmöglich – bei dem schläft doch nur das Publikum.“ Jean Cocteau über Jean Anouilh

„Gabriele Wohmann oder: Mein Psychoanalytiker hat gesagt, ich solle mehr schreiben.“ Hans Wollschläger über Gabriele Wohmann

„Es ist ein Jammer, dass viele Bücher gegen Ende abfallen. Bei ‚Hundert Jahre Einsamkeit‘ zum Beispiel: 80 Jahre hätten es auch getan.“ Jorge Luis Borges über Gabriel García Márquez

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Lichtenberg: Gedankenspiele

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Wolfgang Sofsky
Lichtenberg: Gedankenspiele

LichtenbergGB

Georg Christoph Lichtenberg, Sprößling eines pietistischen Pfarrhauses, soll gelegentlich gebetet haben und, was die Gottesfrage angeht, zuletzt unentschieden gewesen sein. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, Religion für eine Sonntags-Affaire zu halten, „fromme“ Prediger mit dem gebotenen Spott zu bedenken und auch sonst beim Nachdenken über den Glauben sein Niveau zu halten:…

siehe: https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/04/26/lichtenberg-gedankenspiele/

Ehre – japanisch

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Wolfgang Sofsky
Ehre – japanisch

Akashi_Gidayu_writing_his_death_poem_before_comitting_SeppukuVorzeiten galt unter den Kriegern des alten Japan ein befremdlicher Brauch. Wurde ein Samurai Opfer einer Ungerechtigkeit, kniete er sich vor der Haustür des Verleumders nieder und schlitzte sich mit dem Schwert den Bauch auf. Sein Freitod zwang den Widersacher, es ihm gleichzutun. Statt anzugreifen, rechtfertigte sich der Bescholtene, indem er sich selbst tötete. Unerträgliche Schande brachte dieser kurze, plötzliche Akt der Verausgabung über den Ehrabschneider. Ihm blieb nichts anderes übrig, als dem Beispiel des Verleumdeten zu folgen. Nur der zweifache Selbstmord  schaffte die Angelegenheit aus der Welt und stellte die Ehre der beiden Kontrahenten wieder her.

Es gibt keinen eindringlicheren Beweis für die Bedingungslosigkeit in Fragen der Ehre als der japanische Kodex des seppuku. Allein das Selbstopfer bekundete die Lauterkeit des Charakters. Wer für seine Ehre mit dem Leben einsteht, kann unmöglich der Lüge bezichtigt werden. Die Ehre duldet keine Erörterung, sie fordert die Tat, einen Akt der Wahrheit, der jede Verhandlung, jedes Gespräch beendet. Die Schande ist eine Verletzung des Selbst, über die nicht mehr zu reden ist. Die einzige menschliche Tugend jedoch, welche sich nicht vorspiegeln läßt, ist der physische Mut. Er beseitigt alle Zweifel, räumt jede Schmähung beiseite, tilgt jeden Verdacht. Jenseits aller Nützlichkeit beglaubigt der Freitod eine Moral, welche nichts außer sich selbst kennt.

Die abend- und morgenländische Tradition der Ehrenhändel erreichte nur selten jenes moralische Niveau der Disziplin und Selbstpreisgabe, welche den japanischen Krieger auszeichnete. In der höfischen Gesellschaft der Heuchelei mußte der Beleidigte keineswegs sein Leben opfern, um sein Ansehen aufzupolieren. Es genügte, die Herausforderung anzunehmen, sich zum Duell zu stellen und nach einer kurzen Schamfrist der Spiegelfechterei sich für erschöpft zu erklären. Die Degenduelle der Kavaliere, welche die Studenten später auf dem Paukboden nachäfften, endeten selten tödlich. Das Risiko einer schweren Verwundung war gering. Das Reglement schloß von vornherein alle Kampfformen aus, die den sicheren Untergang bedeutet hätten. Auch die Pistolenduelle im Morgengrauen führten nur selten zu ernsthaften Verletzungen. Die wenigen taugen als Stoff für Legenden oder heroische Erzählungen. Die niederste Instinktstufe der „Ehre“ jedoch ist erreicht, wenn der vermeindlich Entehrte oder Beleidigte selbst gar nichts riskieren und keinerlei Mut aufbringen muß. Da ihn die Wiederherstellung seiner Ehre nichts kostet, ist er schon beim geringsten Anlaß beleidigt. Er läßt sein  Gegenüber vor Gericht zerren oder das nichtsahnende Opfer per Meuchelmord (genannt „Ehrenmord“) umbringen. Ein Duell findet nicht statt, Mut oder gar Tapferkeit sind außer Kurs gesetzt.

© W.Sofsky 2016

 

Lichtenberg: Schimpfwörter und dergleichen.

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Wolfgang Sofsky
Lichtenberg: Schimpfwörter und dergleichen.

lichtenbergbIn Zeiten, da Beleidigungen als ehrenrührig, wenn nicht gerichtswürdig gehandelt werden, und Subjekte, die nach öffentlicher Aufmerksamkeit und Anerkennung gieren, sofort lamentieren, wenn ein Scheißsturm sie ereilt, schadet es nichts, ein paar ältere Beleidigungen ins Gedächtnis zur rufen. Manche befinden sich noch in bewährtem Gebrauche, schließlich überdauert der Volksmund jeden Anfall von obrigkeitlicher Korrektheit. Andere sind nahezu vergessen, taugen indes unschwer zur Niveauhebung des Scheißsturms und zur allgemeinen Belustigung und Ermunterung niederer, aber zutreffender Ansichten.

alter Krachwedel    Betrüger
alter Hosenhuster    Lork
Dreck auf den Bart (Araber)   Affengesicht
Bärnhäuter   Narre
Schandbalg   Matz
alte Hure    Lausewenzel
Bankert    Flöhbeutel
Flegel    Galgenschwengel
Rekel    Galgenvogel
Bengel    Sauwedel
Tölpel   Lümmel, Saulümmel
Gelbschnabel    Laffe
Schuft    Schelm
Hundsfott    Rotzlöffel
Esel    Schnauzhahn
Schlingel    Hundejunge
Maul-Affe    Poltron
Klotzkop    Lausebalg
Dummkopf    Schandbalg
Schurke   Scheißmatz
Spitzbube    Knasterbart
Dieb    Memme
Hure    Hexe
Nickel     Canaille
Mensch    Trulle
Drecksau    Schind-Aas
Schlampe    Regiments-Hure
Vettel   —Nickel
Luder
hol dich der Teufel
daß dich tausend Teufel zerreißen
daß dich der Donner und das Wetter erschlüge
daß du tausend Schwere Not hättest
daß du die Kränke hättest
Blitz, Hagel, und alle Wetter
Schwere Not! Himmel Sakrament!
Potz Donner, und der Teufel
Tausend Sakrament
Beim Teufel.
(Lichtenberg, Sudelbücher D 661; ca.1773-75)

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Tristan Tzara: dadadudel

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Wolfgang Sofsky
Tristan Tzara: dadadudel

trtzara1921 verfaßte der Dada-Zar Tristan Tzara, der schon am ersten Abend im Zürcher Cabaret Voltaire zugegen gewesen war, und 1920/1 zum Cheforganisator, Inspirator und Rezitator von Dada-Paris avancierte, ein Dudel-Gedicht, hier in der kongenialen Übertragung von Oskar Pastior:

dadadudel

I
ein gewisser dadadudel
dem dada am herzen lag,
überspannte seinen dudel
dem dada am herzen lag

fuhr ein herr im lift nach oben
schwer zerbrechlich autonom
ärgerte sein rechter hoden
ab damit — zur post nach rom

so geschehen
da dem liftel
ach nichts mehr an dada lag

stopft euch mit pralinen
spült euch das gehirn
dadadudel
dudeldada
jetzt gibts sprudel

II
Ein gewisser dadadudel
dem das ganze schnuppe war
liebte einst ein damenwadel
dem das ganze schnuppe war

doch das herrenrad des herrn
kam nach jahr und tag dahinter —
ab die post zum andern stern
mit den beiden in drei schuben

weder dudel
weder madel
nur noch schnuppe

stopft euch voll mit denkungsart
spült euch den soldaten
dadadudel
dudeldada
jetzt gibts sprudel

III
ein gewisses herrenradel
das ein herz von dada war
demnach dada selber war
wie die dadaherzen alle

eine boa ganz in leder
drehte plötzlich ab den hahn
häutete sich und verschwand
an die brust vom vatikan

traurig traurig
was da bald
dada unterm herzen trug

trinkt vogelmilch trinkt vogelmilch
spült euch die pralinen
dadadudel
dudeldada
kalbsbrust ist erschienen
eßt kalbsbrust

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Horváth: „den Kopf nicht hängen lassen!“

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Wolfgang Sofsky
Ödön von Horváth: „den Kopf nicht hängen lassen“.

Die Schauspielerin Jana Schulz als Elisabeth spielt am Donnerstag (19.11.2009) auf der Bühne im Schauspielhaus in Hamburg während der Fotoprobe zu "Glaube Liebe Hoffnung". Das Theaterstück feierte am Sonntag (22.11.2009) Premiere. Foto: Marcus Brandt dpa/lno (zu dpa/lno-KORR. vom 23.11.2009) +++(c) dpa - Bildfunk+++In den Vorarbeiten zu „Glaube, Liebe, Hoffnung“ findet sich ein Monolog der Elisabeth, der jedermann klarmachen könnte, so er denn sich etwas klarmachen will, was es mit den Torheiten des Glaubens, Hoffens, Liebens ohnehin, auf sich hat, hier bezüglich eines Lebens jenseits des „Prekariats“:

„Jetzt werden es bald acht Monate, daß ich abgebaut worden bin – und da hab ich aus meinem Zimmer herausmüssen und hab hernach meint Brosch versetzen müssen — und hab bei einer Freundin gewohnt, mit der ich mich nicht vertragen habe, aber ich habe den Kopf nicht hängen lassen. Und dann bin ich herumgelaufen und es hat geheißen, daß es besser wird und daß es wieder eine Stellung geben wird, auch ohne daß mar alles ändert und zusammenschlägt. Aber es ist keine Stellung gekommen und man hat auch nichts zusammengeschlagen, aber ich habe den Kopf nicht hängen lassen.

Und die Leut waren ruhig und sind still geworden, und den einen habens eingesperrt — und die Kathi hat angefangen, sich abzugeben — und wenn ich die vielen Stellungsuchenden in der Zeitung gelesen hab, dann hat et mir einen Riß gegeben, aber ich hab den Kopf nicht hängen lassen.

Und in der Zeitung ist gestanden von der großen Not für das Volk und die Minister haben gesagt, daß der Staat ein Wohlfahrtsstaat ist, und daß das anders werden muß. Daß das die Moral untergräbt, (und gottgewollt ist) und dergleichen mehr. Und ich habe gesehen, wie schwer daß es ist, mit den anderen Menschen auszukommen. Aber ich habe den Kopf nicht hängen lassen.

Und überall haben sie einen ausgenützt und betrogen, und immer nur die, die wo nichts haben. Und da hab ich zum Staat gesagt: «Du Staat, ich bin eine Bürgerin», aber der Staat hat nichts gesagt.

Und jetzt könnte ich eine Stelle haben, aber um sie zu haben, dazu brauche ich Geld. Ich bin nämlich eigentlich Vertreterin — und ich brauch eine Kaution von hundertfünfzig Mark. Aber ich werde den Kopf nicht hängen lassen! Ich glaube noch daran, daß ich Glück haben muß — das ist der einzige Glaube, der mir geblieben ist. Und der Glaube versetzt Berge und ich werde den Kopf nicht hängen lassen.
Und ich habe mir um mein letztes Geld kosmetische Artikel gekauft, weil man dann eher eine Stellung bekommt.“ (Horváth, Ges.Werke VII, FfM 1972, S.270).

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Horowitz spielt Scriabin op.8,12 dis-moll

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Wolfgang Sofsky
Horowitz spielt Scriabin op.8,12 dis-moll

horowitz in moskauBeim legendären Konzert in Moskau 1986 spielte Vladimir Horowitz, zu Gast in alter Heimat, eine bewährte Zugabe, eine Ekstase in Tönen (was immer das sein mag), vornehmlich auf den schwarzen Tasten: https://www.youtube.com/watch?v=gHKRuxiIKiU

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Raoul Hausmann: Der deutsche Spießer

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Wolfgang Sofsky
Raoul Hausmann: Der deutsche Spießer

hausmannAndere Zeiten – andere Spießer? 1919, der Krieg war gerade verloren, die Revolution niedergeschlagen und in die Bahnen wohlanständiger Repräsentation vor den gütigen Augen Goethes und Schillers umgelenkt, 1919 mithin trug Raoul Hausmann, neben Huelsenbeck, Grosz, Heartfield, Franz Jung, Hannah Höch und Johannes Baader ein Oberdada in Berlin, eine Invektive gegen den deutschen Spießer vor, gegen die formvollendete Schmalzstullenseele, gegen den pathetischen Expressionismus, der mit seinen moralisch-ethischen Farcen dem europäischen Wurschtkessel enttaucht war, gegen das allgemeine Weltgedusel, die theosophischen Schweinsblasen, das hochtrabende Gerede allerorten. Und wo laufen sie, wo hocken und schreiben sie, die Deutschspießer heutzutage, im Kränzchen bei einem „guten Glas Rotwein“, vor der Kleinkunstbühne, im Pädagogenzimmer, verschreckt ob der Zeitläufte, zutiefst besorgt um ihre Gesundheit und sofort beleidigt, wenn ihre Illusionen zerplatzen, den leichten Seitenblick nicht zu vergessen, aufs gefüllte Pensionskonto. Sie würden sich ärgern wie ihre Vorfahren im Un“geist“, gäbe es, wie damals, hier und da ein paar Dadas oder Anti-Dadas, Frauen und Männer mit „Jagdschein“, der sie jeder Verantwortung enthebt?

„Und wir sind soweit Antidadaisten, als irgendeiner von uns noch etwas Schönes, Ästhetisches, ein sicher umgrenztes Wohlgefühlchen aufstellen will, wie die abstrakte Kunst etwa — daß wir ihm diese gut bestellte Stulle in den Dreck schlagen. Uns hat die Welt heute keinen tiefen Sinn, als den des unergründlichsten Unsinn, wir wollen nichts von Geist oder Kunst wissen. Die Wissenschaft ist albern — wahrscheinlich dreht sich heute noch Sonne um die Erde. Wir propagieren keine Ethik, die immer ideal (Schwindel) bleibt — aber wir wollen darum den Bürger nicht dulden, der seinen Geldsack über die Existenzmöglichkeit des Menschen gehängt hat, wie Geßler seinen Hut. Wir wünschen, die Ökonomie und die Sexualität vernünftig zu ordnen, und wir pfeifen auf die Kultur, die keine greifbare Sache war. Wir wünschen ihr ein Ende, und damit ein Ende dem Spießerdichter, dem Verfertiger der Ideale, die nur seine Exkremente waren. Wir wünschen die Welt bewegt und beweglich, Unruhe statt Ruhe, — fort mit den alten Stühlen, weg mit den Gefühlen und edlen Gesten! Wir sind Antidadaisten, weil für uns der Dadaist noch zu viel Gefühl und Ästhetik besitzt. Wir haben das Recht zu jeder Belustigung, sei es in Worten, in Formen, Farben, Geräuschen; dies alles aber ist ein herrlicher Blödsinn, den wir bewußt lieben und verfertigen, — eine ungeheure Ironie, wie das Leben selbst: die exakte Technik des endgültig ein-gesehenen Unsinns als Sinn der Welt!!! NIEDER MIT DEM DEUTSCHEN SPIESSER!“ (Raoul Hausmann, Heimatklänge! (1920))

© W.Sofsky 2016

Flaubert in Damaskus

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Wolfgang Sofsky
Gustave Flaubert in Damaskus

GFlaubertAnfang September 1850 hält sich Gustave Flaubert in Damaskus auf. Am Montag, dem Tag nach der Ankunft, verläßt er die Stadt an der Ostseite bei Bahr-el-Ateibeh. In der Voyage en Orient findet sich folgende Notiz:

„…,das Tor ist wie in Jerusalem vergoldet und vermauert. Man kann noch ganz gut die Sockel des früheren Tors an den enormen Steinaufhäufungen erkennen; die aus Schlamm und Kieseln gebaute Basis der neuen leichten Wälle ist noch von dieser Bauart. In den aufgefüllten, wasserlosen Gräben ein paar tote, halb zerfressene, auf der Seite liegende Hunde. Gelbliche herumstreunende Hunde. Es war sehr heiß und die Sonne stach heftig.

Christenfriedhof: lauter Gruften, in jeder wird eine ganze Familie beigesetzt, bisweilen ein ganzer Stamm. Sie sind verfallen, und die ganze Stätte riecht nach Kadavern. Wir beugten uns über die Öffnung einer dieser Gruften und sahen im Innern ein paar menschliche Überreste durcheinander und einen großen, toten Hund herumliegen (zweifellos hatte ihn der Geruch angelockt, er war hineingestiegen, kam dann nicht mehr heraus und mußte dort krepieren), dann, weiter hinten, so etwas wie eine ausgetrocknete, unter den Leichentuchfetzen hart gewordene Mumie. Hier und da einige Köpfe ohne Körper, ein paar Brustkörbe ohne Köpfe und zwischendrin langes, gelbes, goldblondes Frauenhaar, das sich über den grauen Staub schlängelt.

Etwas weiter zeigt man uns die Ruinen einer Kapelle, die an jener Stelle errichtet wurde, wo der heilige Paulus durch die Erscheinung des Engels vom Pferd stürzte. Wir ziehen an den Mauern großer, schattenreicher Gärten vorbei. Diese Mauern sind zusammengesetzt aus etwas wie großen, übereinanderliegenden, quadratischen Brocken aus Schlamm und Kieseln; der Staub, der darauf liegt, wird vom Wind weggefegt und über den Weg gewirbelt. Wir kommen bei den Wällen aus, nahe einem Sumpf, aus dem Raben auffliegen; ein entzückendes Plätzchen, erfüllt von Schatten, Stille und Kühle. So etwas Schönes und Wohltuendes wie das Grün im Orient! Zu unserer Linken gibt es einen Brunnen, daneben, auf einem Stein, sitzt ein Mann, er röchelt uns etwas auf arabisch zu und reckt uns seine Arme entgegen. Durch die zerfressenen Lippen hindurch sieht man tief in seinen Rachenschlund hinab, er ist abscheulich anzuschauen mit seinen Eiterungen und Krusten; an der Stelle der Finger hängen ihm grüne Fetzen herab: seine Haut; bevor ich mein Lorgnon aufgesetzt hatte, dachte ich, es wären Lappen. Er ist zum Trinken hierher gekommen.

Wir betreten eine Art Bauernhäuschen oder Hühnerhof, wo wir fünf oder sechs männliche und drei oder vier weibliche Leprakranke sehen. Sie wollen hier Luft schöpfen; eine hat die Nase wie von der Syphilis ganz zerfressen und auf dem Gesicht ein paar Krusten; das Gesicht einer anderen ist ganz rot, von einem Feuerrot. Wir haben schon beim Basar der Parfümhändler einen Mann mit ähnlichem Gesicht vorbeigehen sehen. Ein junger Mann mit blassem Gesicht, grün wie Gras, mit Flecken und ein paar Pusteln. Das alles wimmert, schreit und jammert; Männer und Frauen sind zusammen, keine Geschlechtertrennung mehr, auch keine andere Unterscheidung außer der des Leidens. Als sie von uns ein Almosen bekamen, hoben sie die Arme zum Himmel, wiederholten immer wieder: Allah! und riefen den himmlischen Segen auf uns herab. Ich erinnere mich vor allem an die Frau ohne Nase mit einem eigentümlichen, pfeifenden Kauderwelsch, das aus ihrem Kehlkopf drang. Sie leben da ganz allein und pflegen sich gegenseitig, ohne daß irgend jemand ihnen beistünde. Im ersten Stadium der Krankheit leidet man sehr, danach treten allmählich Lähmungen ein. Das Schlimmste für sie muß sein, sich so zu sehen. Was gäbe das, wenn an den Wänden ihrer elenden Hütten Spiegel hingen!“

© WS 2016

Tocqueville: Despotie der Demokratie

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Wolfgang Sofsky
Alexis de Tocqueville: Despotie der Demokratie

alexis-de-tocqueville„Wenn ich an die bescheidenen Leidenschaften der Menschen unserer Zeit denke, an die Zahmheit ihrer Sitten, an das Maß ihrer Einsicht, an die Reinheit ihrer Religion, an die Sanftheit ihrer Moral, an ihr arbeitsames und geordnetes Verhalten, an ihre Zurückhaltung, die sie fast alle dem Laster wie der Tugend gegenüber üben, dann befürchte ich nicht, daß sie in ihren Führern Tyrannen antreffen werden, sondern eher einen Vormund. Ich glaube also, daß die Art von Unterdrückung, die den demokratischen Völkern droht, in nichts der Unterdrückung gleichen wird, die es früher in der Welt gegeben hat; noch nicht einmal die Vorstellung davon könnten unsere Zeitgenossen in ihrer Erinnerung finden. Ich suche vergeblich nach einem Ausdruck, der die Vorstellung, die ich mir davon bilde, genau wiedergibt, und sehe davon ab. Die alten Begriffe Despotismus, Tyrannei passen nicht. Die Sache ist neu, ich muß also versuchen, sie zu umschreiben, da ich sie nicht benennen kann.
Ich will mir also vorstellen, welch neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: ich sehe eine zahllose Menge einander ähnlicher und gleicher Menschen die sich ohne Unterlaß um sich selbst bewegen, um sich kleine und vulgäre Freuden zu verschaffen, die ihre Seele ausfüllen. Jeder von ihnen sondert sich ab und verhält sich dem Schicksal aller anderen gegenüber wie ein Fremder. Seine Kinder und seine persönlichen Freunde sind für ihn die ganze Menschheit. Was seine übrigen Mitbürger anbetrifft, so befindet er sich zwar neben ihnen, aber er sieht sie nicht. Er berührt sie, aber er empfindet sie nicht. Er existiert nur in sich und für sich allein, und wenn ihm auch noch eine Familie geblieben ist, so kann man doch sagen, daß er kein Vaterland mehr hat.

Über ihnen allen aber erhebt sich eine ungeheure Vormundschaftsgewalt, die allein sich damit befaßt, ihre Annehmlichkeiten zu sichern und über ihr Ergehen zu wachen. Sie ist absolut, ins einzelne gehend, regelmäßig, vorausschauend und milde. Sie wäre der väterlichen Gewalt zu vergleichen, wenn wie bei dieser das Ziel die Erziehung zum erwachsenen Menschen wäre; aber sie sucht im Gegenteil, den Menschen unabänderlich im Zustand der Kindheit zu halten. Sie sieht es gern, wenn die Bürger es sich gut gehen lassen, vorausgesetzt, daß sie an nichts anderes denken. Sie arbeitet gern für ihr Wohlergehen; aber sie will allein dafür tätig sein und allein darüber befinden. Sie sorgt für ihre Sicherheit, sieht ihre Bedürfnisse voraus und sichert sie, fördert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Angelegenheiten, leitet ihre Arbeit, regelt ihre Nachfolge, verteilt ihre Erbschaften; könnte sie ihnen nicht völlig die Last zu denken und die Mühe zu leben abnehmen?

Auf diese Weise macht sie mit jedem Tag den Gebrauch des freien Willens sinnloser und seltener, verengt sie den Spielraum der eigenen Betätigung des Willens, entzieht sie jedem Bürger Stück auf Stück und schließlich die Verfügung über sich selbst. Auf all dies hat die Gleichheit die Menschen vorbereitet: sie hat sie geneigt gemacht, es hinzunehmen, und oft sogar, es als eine Wohltat zu betrachten.

Wenn so die souveräne Gewalt jeden Einzelnen der Reihe nach in ihre mächtigen Hände genommen und ihn nach ihrem Belieben geknetet hat, breitet sie ihre Arme über die ganze Gesellschaft aus. Sie bedeckt sie in ihrer ganzen Ausdehnung mit einem Netz kleiner und verwickelter Regeln von peinlicher Genauigkeit und Einförmigkeit, durch das hindurch selbst die originellsten und kräftigsten Geister sich nicht mehr Luft verschaffen können, um aus der Menge herauszutreten. Sie bricht den Willen nicht mit Gewalt, sondern weicht ihn auf, macht ihn biegsam und lenkt ihn. Selten zwingt sie zu einer Handlung, aber sie steht ständig dem Handeln im Wege; sie zerstört nicht, aber sie hindert, daß etwas entsteht; sie tyrannisiert nicht, aber sie stört, sie engt ein, sie höhlt aus, sie erstickt, sie stumpft ab und bringt schließlich jede Nation dazu, nur noch eine Herde furchtsamer und fleißiger Tiere zu sein, deren Hirt die Regierung ist.

Ich war immer davon überzeugt, daß diese Art der geregelten, milden und friedlichen Knechtschaft die ich soeben beschrieben habe, sich besser, als man glaubt, mit einigen äußeren Formen der Freiheit vertragen könnte, und daß es nicht unmöglich sein sollte, diese Freiheit selbst im Schatten der Volkssouveränität herzustellen.

Unsere Zeitgenossen stehen ständig unter der Wirkung zweier einander feindlicher Vorlieben: sie haben den Wunsch, geführt zu werden, und das Verlangen, frei zu bleiben. Unfähig, eine dieser entgegengesetzten Neigungen zu unterdrücken, bemühen sie sich, beide zugleich zu befriedigen. Sie stellen sich eine einheitliche, vormundschaftliche, allmächtige Gewalt vor, die aber von den Bürgern gewählt wird. Sie wollen die Zentralisation mit der Volkssouveränität verbinden. Das verschafft ihnen einige Beruhigung. Der Gedanke, daß sie selbst ihren Vormund gewählt haben, tröstet sie über die Vormundschaft.“

Die despotischen Gefahren einer demokratischen Gesellschaft unter zentralistischer Staatsherrschaft, die auf dem Altar vermeintlicher Gleichheit die Freiheit geopfert hat, ohne dies überhaupt bemerkt zu haben, hat Tocqueville, ganz ein gelehriger Schüler Montesquieus, bereits in den 1830er Jahren vorausgesehen, im zweiten Band „Über die Demokratie in Amerika“.

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Albert Ehrenstein: Unentrinnbar

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Wolfgang Sofsky
Albert Ehrenstein: Unentrinnbar

kokoschka-aehrenstein.Wer weiß, ob nicht
Leben Sterben ist,
Atem Erwürgung,
Sonne die Nacht?
Von den Eichen der Götter
Fallen die Früchte
Durch Schweine zum Kot,
Aus dem sich die Düfte
Der Rosen erheben
In entsetzlichem Kreislauf,
Leiche ist Keim,
Und Keim ist Pest.

Kurt Pinthus nahm 1919 dieses Gedicht, dessen erste Entwürfe auf das Jahr 1908 zurückgehen, in die Sammlung „Menschheitsdämmerung“ auf, dem Kompendium expressionistischer Lyrik. Oskar Kokoschka hatte seinen Freund für den Band portraitiert. Als Albert Ehrenstein nach zwei Schlaganfällen im April 1950 in einem NewYorker Armenhospiz starb, sammelten Freunde Geld, damit seine Urne nach England verschifft werden konnte. Am Grab auf dem Bromley Hill Cemetery sagte Kurt Pinthus: „Noch niemals vor ihm hat ein Dichter so viele so traurige Gedichte geschrieben, so ganz und gar erfüllt vom Leid der Welt, von Visionen des Grauens, vom Elend der Kreatur, von Düsterkeit und Bitternis.“

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Richard Huelsenbeck: Ende der Welt

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Wolfgang Sofsky
Richard Huelsenbeck: Ende der Welt

Soweit ist es nun tatsächlich mit dieser Welt gekommen
Auf den Telegraphenstangen sitzen die Kühe und spielen Schach
So melancholisch singt der Kakadu unter den Röcken der spanischen
Tänzerin wie ein Stabstrompeter und die Kanonen jammern
den ganzen Tag
Das ist die Landschaft in Lila von der Herr Mayer sprach als er das
Auge verlor
Nur mit der Feuerwehr ist die Nachtmahr aus dem Salon zu vertreiben
aber alle Schläuche sind entzwei
Ja ja Sonja da sehen Sie die Zelluliodpuppe als Wechselbalg an
und schreien: God save the king
Der ganze Monistenbund ist auf dem Dampfer „Meyerbeer“ versammelt
doch nur der Steuermann hat eine Ahnung vom hohen C
Ich ziehe den anatomischen Atlas aus meiner Zehe
ein ernsthaftes Studium beginnt
Habt ihr die Fische gesehen die im Cutaway vor der Opera stehen
schon zween Nächte und zween Tage?
Ach Ach Ihr großen Teufel – ach ach Ihr Imker und Platzkom-
mandanten
Wille wau wau wau Wille wo wo wo wer weiß heute nicht was unser
Vater Homer gedichtet hat
Ich halte den Krieg und den Frieden in meiner Toga aber ich ent-
scheide mich für den Cherry-Brandy flip
Heute weiß keiner ob er morgen gewesen ist
Mit dem Sargdeckel schlägt man den Takt dazu
Wenn doch nur einer den Mut hätte der Trambahn die Schwanzfedern
auszureißen es ist eine große Zeit
Die Zoologieprofessoren sammeln sich im Wiesengrund
Sie wehren den Regenbogen mit den Handtellern ab
Der große Magier legt die Tomaten auf seine Stirn
Füllest wieder Busch und Schloß
Pfeift der Rehbock hüpft das Roß
(Wer sollte da nicht blödsinnig werden)

huelsenbeck1Noch im Februar 1916 war der Medizinstudent Richard Huelsenbeck von Berlin nach Zürich gekommen und zu dem Kreis um Hugo Ball gestoßen. Am 26./27. Februar trat er zum ersten Mal im Cabaret Voltaire auf und trommelte seine Verse in Grund und Boden. Die Trommel war sein Rezitationsrequisit. Das Endzeitgedicht erschien zuerst im September 1916 in den „Phantastischen Gebeten“. Huelsenbeck vermied das Pathos expressionistischer Großstadt-Endzeit-Lyrik wie bei Georg Heym oder Jakob van Hoddis. Seine Verse waren ohne Sinn, ohne Zentrum und Ordnung, eine Posse ohne Bedeutung. Das Chaos der Welt spiegelt sich im Chaos der Bruchstücke, Bild- und Wortfetzen, Geräusche. Angesichts dessen kann jeder Dadaist nur mehr in schallendes Gelächter ausbrechen.

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Glücksministerium

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Glücksministerium

Es ist weder eine Erfindung von Jewgeni Samjatin oder George Orwell noch steht es im Wahlprogramm einer sozialwohlfahrtlich ausgerichteten Partei: die Einrichung eines Glücksministeriums.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde die Politikerin Ohoud Khalfan Al Roumi zur ersten Staatsministerin des Ministeriums für Glück berufen. Sie soll Projekte und Programme erfinden, um die Menschen in den sieben Golfemiraten glücklicher zu machen. Neben ihrem neuen Job bleibt Roumi jedoch weiterhin Büroleiterin des Regierungschefs. Die Vereinigten Arabischen Emirate werden autoritär geführt. Nur ein Teil der Staatsbürger darf an den Wahlen für den Föderationsrat teilnehmen, der die Regierung berät. 90 Prozent der Bevölkerung sind Ausländer, sie haben kein Stimmrecht. So regt sich der nicht unbegründete Verdacht, das Glücksministerium für die nicht unattraktive junge Büroleiterin sei eine Erfindung des Herrschers, um Roumi mit einem statusgerechten Amt plus Gehalt glücklich zu machen.

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Ensor: Tod + Masken

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James Ensor: Der Tod und die Masken

ensor

In James Ensors Maskenwelt, die sich mitnichten auf die närrische Zeit beschränkt, ist häufig der Totenkopf zugegen, das Gesicht aller Gesichter. Gelegentlich steht der Tod sogar im Mittelpunkt wie auf diesem Bild von 1897: „Der Tod und die Masken“.

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Schießen Sie auf den Dadaisten!

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Wolfgang Sofsky
Schießen Sie auf den Dadaisten!

wserner„Polizeiliche Auflösung des dadaistischen Weltkongresses. Schüsse als Argumente.

GENF, im Januar. Der erste Weltkongreß der Dadaisten, der bekanntlich seit Anfang Dezember in der Grand salle des Eaux Vives in Genf tagte, fand kürzlich ein jähes Ende: er wurde polizeilich aufgelöst und wird zweifellos mehreren Teilnehmern ein gerichtliches Nachspiel eintragen. Und zwar mit Recht. Denn der Scherz (oder die Satire oder der Schabernack oder die Verrücktheit) war wirklich etwas zu weit getrieben worden. Es kam nämlich zwischen Tristan Tzara, dem Gründer des Dadaismus, und dem bekannten dadaistischen Philosophen Serner, dem Vorsitzenden des Kongresses, zu einem heftigen Wortwechsel, in dessen Verlauf Serner plötzlich einen Browning zog und vier blinde Schüsse auf Tzara abgab, der soviel Geistesgegenwart besaß, sofort vom Stuhl zu sinken. Die Folge war jedoch, daß die zahlreich besetzte Galerie, welche nicht daran zweifelte, daß scharf geschossen worden war, eine Panik ergriff, die nur durch das rasche und umsichtige Eingreifen einiger kluger Köpfe noch rechtzeitig eingedämmt werden konnte. Polizeiorgane, die unmittelbar darauf erschienen, räumten den Saal und brachten Serner und Tzara auf das in der Nähe befindliche Kommissariat, von wo sie, nach kurzem Verhör wieder freigelassen, von den auf der Straße wartenden Dadaisten im Triumph auf den Schultern bis zu ihrem Hotel getragen wurden. Tags darauf erschien zur allgemeinen Heiterkeit des Publikums in der »Tribune de Genve« ein geharnischter Artikel (freilich als bezahltes Inserat), unterzeichnet von den Dadaisten Francis Picabia, Paul Eluard, André Breton (Frankreich), Clément Pansaers (Belgien), Will Binyon (England) etc., in dem der Öffentlichkeit in einem sehr skurrilen Französisch mitgeteilt wurde, daß der Kongreß in geheimer Sitzung die Resolution gefaßt habe, die Verwendung von blinden Schüssen in dadaistischen Diskussionen sei nicht nur erlaubt, sondern sogar, weil erfrischend, erwünscht, allerdings nur unter der Bedingung, daß der Schießende sofort eine völlig neue dritte Meinung annehme. Man darf wahrlich gespannt sein, welcher Meinung die Genfer Gerichte sein werden. K. F.“ (Berliner Börsen-Courier, Nr.9, 7. 1. 1920.)

Der Vorfall auf dem Kongreß, der lediglich im Hirn des Vorsitzenden Serner, womöglich noch dessen Freund Christian Schad, bei dem Serner seinerzeit in Genf untergekommen war, existierte, hatte tatsächlich ein juristisches Nachspiel im Züricher Tages-Anzeiger, in dem am 4.2.1920 folgender Bericht zu lesen war, der, soweit überhaupt bekannt werden konnte, gleichfalls Hirn und Feder von Walter Serner entsprungen sein soll, dem begabten Promotor und Propagandisten, dem radikalsten Abwerter aller Werte, nebenbei auch einem Verfasser gezielter Falschmeldungen, mit denen sich im Kultur-, Polit- und Medienbetrieb allerlei Verwirrungen erzeugen läßt:

„Das Urteil im Genfer Dadaisten-Prozeß
Bei der am 29. Januar stattgefundenen Gerichtsverhandlung wurde der bekannte Dadaistenführer Dr. Serner, der, wie erinnerlich, gelegentlich des Dadaistischen Weltkongresses durch Abgabe blinder Schüsse eine Panik hervorgerufen hatte, zu einer Geldstrafe von 3000 Fr. verurteilt, im Nicht-zahlungsfalle zu drei Monaten Gefängnis. Nach der Urteilsverkündung hielt Dr. Serner eine kurze Ansprache, in der er u. a. äußerte, daß er, obwohl zu jeder besseren Biographie etwas Gefängnis gehöre, leider gezwungen sei, die Geldstrafe zu erlegen, daß er aber diesem Umstand gleichwohl dankbar sei, da eine längere Einzelhaft der Kontemplation und ähnlichen Ungezogenheiten zu sehr Vorschub leiste. Unter wilden Beifallskundgebungen der anwesenden Dadaisten und unter allgemeiner Heiterkeit des Publikums leerte sich der Saal. K. F.“ (Tages-Anzeiger, 4.2. 1920.)

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