Prinzip Sicherheit – Inhalt

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Wolfgang Sofsky
Neuerscheinung: Prinzip Sicherheit – Inhalt

prinzipsicherheit

Soeben erschienen:
Prinzip Sicherheit
CreateSpace: London, Leipzig, Wroclaw 2016.
ISBN-13: 978-1539666714
ISBN-10: 1539666719
br., 162 S.; 8,90 €; 8,00 GBP; 9,80 USD.
zu  beziehen über: Amazon (de, co.uk., com, fr, es, it)

Inhalt

I. Katastrophen 7
Crash – Explosionen – 9/11 – Das Verhängnis – Wille zur Normalität
II. Gefahren, Wagnisse 17
Risiko und Verantwortung – Normale Gefahren
III. Kalkulation und Verleugnung 22
Glück oder Pech – Unwahrscheinliches Unglück
IV. Angst, Mut und Risikolust 27
Alarmstimmung – Lob der Courage – Kultur der Ängstlichkeit – Nischen des Wagemuts
V. Versicherungsgesellschaft 37
Geld gegen Sicherheit – Schuld und Schaden – Das Elend der Sozialkassen
VI. Soziale Komplikationen 44
Rollen, Normen, Phantasien – Vertrauen – Distanz und Verrat – Argwohn – Einsamkeit
VII. Risikowirtschaft 59
Markt und Konkurrenz – Arbeitsmarkt – Wechselfälle des Bankgeschäfts – Auf glattem Parkett – Geld und Charakter
VIII. Sicherheitsstaat 72
Herrschaft und Sicherheit – Staatsgewalt – Rechtssicherheit? – Machträume – Polizei – Der totale Sozialstaat – Ende des Staates?
IX. Kriegsgefahren 85
Gefühle, Kalküle – Krieg der Soldaten – Kriegsrecht –  Der totale Krieg
X. Terror 95
Schauplätze, Motive – Vom Terrorismus zum Terrorkrieg – Herren des Schreckens – Heckenschützen, Geiselnehmer – Selbstmordattentäter – Die Schwäche des Starken – Siege des Schwachen
XI. Frieden und Sicherheit 112
Gleichgewicht der Destruktivkräfte – Der Kalte Krieg – Hegemonie – Das Weltreich – Beschleunigte Staatsbildung?
XII. Freiheit oder Sicherheit 127
Negative Freiheit – Ausnahmezustand – Gefahren der Vorsorge – Totaler Terror
Anmerkungen 141
Krieg und Krise. Nachwort 2016  151

© WS 2016

Bücher

Bücher

Zur Zeit sind von Wolfgang Sofsky außerdem folgende Bücher
in deutscher Sprache lieferbar:

Abgründe. Einfälle, Ausfälle, Gedankenfälle
348 S., SW-Abb., 16,80 €; 16 USD; 10 GBP.
CreateSpace Independent Publ. Platform, Leipzig/Wroclaw 2016
Verkauf und Versand weltweit durch Amazon

 

Todesarten. Bilder der Gewalt
280 S., 30 SW-Abb., 16,80 €
CreateSpace Independent Publ. Platform, Leipzig/Wroclaw 2015
Verkauf und Versand weltweit durch Amazon

 

Lichte Finsternis. Portraits, Analysen, Maskeraden
288 Seiten, SW-Abb., 16,90 €;
BOD – Books on Demand, Norderstedt 2015

 

Weisenfels. Roman
236 S., 22,90 €;,
Matthes und Seitz, Berlin 2014

 

Einzelgänger. Erzählungen
202 S. 19,90 €,
Matthes und Seitz, Berlin 2013

 

Das Buch der Laster,
272 S., 7,95 €
C.H.Beck, München 2009

 

Verteidigung des Privaten,
169 S. Pb., (mit neuem Nachwort), 10,95 €
C.H.Beck, München 2009

 

Traktat über die Gewalt,
240 S., 8,90 € (Tb)
S.Fischer, Frankfurt 2005

 

Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg
256 S., 19,90 €
S.Fischer, Frankfurt 2002

 

Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager,
400 S., 19,99 € (Tb)
S.Fischer, Frankfurt 1997

Hugo Ball: Der magische Bischof

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Wolfgang Sofsky
Hugo Ball: Der magische Bischof

bischofball

Was Hugo Ball vor hundert Jahren, am 14.Juli 1916, im Zunfthaus zur Waag tatsächlich vorgetragen hat, ob ein dadaistisches Gründungs-, Abschieds- oder Nullmanifest, ist nach Sichtung der Quellen und trotz aller Erfindung von Traditionen schlichtweg unbekannt. Dada hatte ohnehin, wie manch andere Avantgarde, die Neigung, sich in Manifesten zu manifestieren. Anhänger, Adepten und Historiker mißverstanden solche Texte oft als wörtliches Glaubensdokument, obwohl ein Dada-Manifest auch nur Dada ist.

Weit interessanter ist ein anderer Bericht Hugo Balls, derjenige vom Abend des 23.6.1916, als er sich in eine Art kubistisches Bischofskostüm zwängte und einige Lautgedichte vortrug,…

https://holbachinstitut.wordpress.com/2016/07/14/hugo-ball-der-magische-bischof/

Kunst der Beleidigung

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Wolfgang Sofsky
Kunst der Beleidigung

Bevor die Kunst der Beleidigung gänzlich in Verruf gerät und von der „Moral“ der Betulichkeit erstickt wird, hier noch einige Kostproben, zur allseitigen Übung und Nachahmung empfohlen:
„Mit größerer Majestät ist wohl noch nie ein Verstand stillgestanden.“
Georg Christoph Lichtenberg über Friedrich Gottlieb Klopstock

„Der Kopf von Dumas gleicht einem Gasthof, wo manchmal gute Gedanken einkehren, die sich dort aber nicht länger als eine Nacht aufhalten; sehr oft steht er leer.“ Heinrich Heine über Alexandre Dumas

„Er verpißt nur klares Wasser.“  Gustave Flaubert über Alphonse de Lamartine

„Wenn Sie zehn Minuten lang laut André Gide lesen, fangen Sie an, übel aus dem Mund zu riechen.“ Francis Picabia über André Gide

„Es gab diesen Thomas Mann, welcher die Bügelfalte zum Kunstprinzip erhob – und mehr brauchte man von ihm nicht zu wissen.“ Alfred Döblin über Thomas Mann

„Wenn ich ein Gedicht von Wilhelm Lehmann lese, denke ich immer, dagegen ist eine Schnecke ein Wirbeltier.“ Gottfried Benn über Wilhelm Lehmann

„Nach Dada kommt Caca.“  André Gide über Jean-Paul Sartre

„Er hat eine neue Mätresse? Unmöglich – bei dem schläft doch nur das Publikum.“ Jean Cocteau über Jean Anouilh

„Gabriele Wohmann oder: Mein Psychoanalytiker hat gesagt, ich solle mehr schreiben.“ Hans Wollschläger über Gabriele Wohmann

„Es ist ein Jammer, dass viele Bücher gegen Ende abfallen. Bei ‚Hundert Jahre Einsamkeit‘ zum Beispiel: 80 Jahre hätten es auch getan.“ Jorge Luis Borges über Gabriel García Márquez

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Tristan Tzara: dadadudel

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Wolfgang Sofsky
Tristan Tzara: dadadudel

trtzara1921 verfaßte der Dada-Zar Tristan Tzara, der schon am ersten Abend im Zürcher Cabaret Voltaire zugegen gewesen war, und 1920/1 zum Cheforganisator, Inspirator und Rezitator von Dada-Paris avancierte, ein Dudel-Gedicht, hier in der kongenialen Übertragung von Oskar Pastior:

dadadudel

I
ein gewisser dadadudel
dem dada am herzen lag,
überspannte seinen dudel
dem dada am herzen lag

fuhr ein herr im lift nach oben
schwer zerbrechlich autonom
ärgerte sein rechter hoden
ab damit — zur post nach rom

so geschehen
da dem liftel
ach nichts mehr an dada lag

stopft euch mit pralinen
spült euch das gehirn
dadadudel
dudeldada
jetzt gibts sprudel

II
Ein gewisser dadadudel
dem das ganze schnuppe war
liebte einst ein damenwadel
dem das ganze schnuppe war

doch das herrenrad des herrn
kam nach jahr und tag dahinter —
ab die post zum andern stern
mit den beiden in drei schuben

weder dudel
weder madel
nur noch schnuppe

stopft euch voll mit denkungsart
spült euch den soldaten
dadadudel
dudeldada
jetzt gibts sprudel

III
ein gewisses herrenradel
das ein herz von dada war
demnach dada selber war
wie die dadaherzen alle

eine boa ganz in leder
drehte plötzlich ab den hahn
häutete sich und verschwand
an die brust vom vatikan

traurig traurig
was da bald
dada unterm herzen trug

trinkt vogelmilch trinkt vogelmilch
spült euch die pralinen
dadadudel
dudeldada
kalbsbrust ist erschienen
eßt kalbsbrust

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Raoul Hausmann: Der deutsche Spießer

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Wolfgang Sofsky
Raoul Hausmann: Der deutsche Spießer

hausmannAndere Zeiten – andere Spießer? 1919, der Krieg war gerade verloren, die Revolution niedergeschlagen und in die Bahnen wohlanständiger Repräsentation vor den gütigen Augen Goethes und Schillers umgelenkt, 1919 mithin trug Raoul Hausmann, neben Huelsenbeck, Grosz, Heartfield, Franz Jung, Hannah Höch und Johannes Baader ein Oberdada in Berlin, eine Invektive gegen den deutschen Spießer vor, gegen die formvollendete Schmalzstullenseele, gegen den pathetischen Expressionismus, der mit seinen moralisch-ethischen Farcen dem europäischen Wurschtkessel enttaucht war, gegen das allgemeine Weltgedusel, die theosophischen Schweinsblasen, das hochtrabende Gerede allerorten. Und wo laufen sie, wo hocken und schreiben sie, die Deutschspießer heutzutage, im Kränzchen bei einem „guten Glas Rotwein“, vor der Kleinkunstbühne, im Pädagogenzimmer, verschreckt ob der Zeitläufte, zutiefst besorgt um ihre Gesundheit und sofort beleidigt, wenn ihre Illusionen zerplatzen, den leichten Seitenblick nicht zu vergessen, aufs gefüllte Pensionskonto. Sie würden sich ärgern wie ihre Vorfahren im Un“geist“, gäbe es, wie damals, hier und da ein paar Dadas oder Anti-Dadas, Frauen und Männer mit „Jagdschein“, der sie jeder Verantwortung enthebt?

„Und wir sind soweit Antidadaisten, als irgendeiner von uns noch etwas Schönes, Ästhetisches, ein sicher umgrenztes Wohlgefühlchen aufstellen will, wie die abstrakte Kunst etwa — daß wir ihm diese gut bestellte Stulle in den Dreck schlagen. Uns hat die Welt heute keinen tiefen Sinn, als den des unergründlichsten Unsinn, wir wollen nichts von Geist oder Kunst wissen. Die Wissenschaft ist albern — wahrscheinlich dreht sich heute noch Sonne um die Erde. Wir propagieren keine Ethik, die immer ideal (Schwindel) bleibt — aber wir wollen darum den Bürger nicht dulden, der seinen Geldsack über die Existenzmöglichkeit des Menschen gehängt hat, wie Geßler seinen Hut. Wir wünschen, die Ökonomie und die Sexualität vernünftig zu ordnen, und wir pfeifen auf die Kultur, die keine greifbare Sache war. Wir wünschen ihr ein Ende, und damit ein Ende dem Spießerdichter, dem Verfertiger der Ideale, die nur seine Exkremente waren. Wir wünschen die Welt bewegt und beweglich, Unruhe statt Ruhe, — fort mit den alten Stühlen, weg mit den Gefühlen und edlen Gesten! Wir sind Antidadaisten, weil für uns der Dadaist noch zu viel Gefühl und Ästhetik besitzt. Wir haben das Recht zu jeder Belustigung, sei es in Worten, in Formen, Farben, Geräuschen; dies alles aber ist ein herrlicher Blödsinn, den wir bewußt lieben und verfertigen, — eine ungeheure Ironie, wie das Leben selbst: die exakte Technik des endgültig ein-gesehenen Unsinns als Sinn der Welt!!! NIEDER MIT DEM DEUTSCHEN SPIESSER!“ (Raoul Hausmann, Heimatklänge! (1920))

© W.Sofsky 2016

Richard Huelsenbeck: Ende der Welt

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Wolfgang Sofsky
Richard Huelsenbeck: Ende der Welt

Soweit ist es nun tatsächlich mit dieser Welt gekommen
Auf den Telegraphenstangen sitzen die Kühe und spielen Schach
So melancholisch singt der Kakadu unter den Röcken der spanischen
Tänzerin wie ein Stabstrompeter und die Kanonen jammern
den ganzen Tag
Das ist die Landschaft in Lila von der Herr Mayer sprach als er das
Auge verlor
Nur mit der Feuerwehr ist die Nachtmahr aus dem Salon zu vertreiben
aber alle Schläuche sind entzwei
Ja ja Sonja da sehen Sie die Zelluliodpuppe als Wechselbalg an
und schreien: God save the king
Der ganze Monistenbund ist auf dem Dampfer „Meyerbeer“ versammelt
doch nur der Steuermann hat eine Ahnung vom hohen C
Ich ziehe den anatomischen Atlas aus meiner Zehe
ein ernsthaftes Studium beginnt
Habt ihr die Fische gesehen die im Cutaway vor der Opera stehen
schon zween Nächte und zween Tage?
Ach Ach Ihr großen Teufel – ach ach Ihr Imker und Platzkom-
mandanten
Wille wau wau wau Wille wo wo wo wer weiß heute nicht was unser
Vater Homer gedichtet hat
Ich halte den Krieg und den Frieden in meiner Toga aber ich ent-
scheide mich für den Cherry-Brandy flip
Heute weiß keiner ob er morgen gewesen ist
Mit dem Sargdeckel schlägt man den Takt dazu
Wenn doch nur einer den Mut hätte der Trambahn die Schwanzfedern
auszureißen es ist eine große Zeit
Die Zoologieprofessoren sammeln sich im Wiesengrund
Sie wehren den Regenbogen mit den Handtellern ab
Der große Magier legt die Tomaten auf seine Stirn
Füllest wieder Busch und Schloß
Pfeift der Rehbock hüpft das Roß
(Wer sollte da nicht blödsinnig werden)

huelsenbeck1Noch im Februar 1916 war der Medizinstudent Richard Huelsenbeck von Berlin nach Zürich gekommen und zu dem Kreis um Hugo Ball gestoßen. Am 26./27. Februar trat er zum ersten Mal im Cabaret Voltaire auf und trommelte seine Verse in Grund und Boden. Die Trommel war sein Rezitationsrequisit. Das Endzeitgedicht erschien zuerst im September 1916 in den „Phantastischen Gebeten“. Huelsenbeck vermied das Pathos expressionistischer Großstadt-Endzeit-Lyrik wie bei Georg Heym oder Jakob van Hoddis. Seine Verse waren ohne Sinn, ohne Zentrum und Ordnung, eine Posse ohne Bedeutung. Das Chaos der Welt spiegelt sich im Chaos der Bruchstücke, Bild- und Wortfetzen, Geräusche. Angesichts dessen kann jeder Dadaist nur mehr in schallendes Gelächter ausbrechen.

© W.Sofsky 2016

Schießen Sie auf den Dadaisten!

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Wolfgang Sofsky
Schießen Sie auf den Dadaisten!

wserner„Polizeiliche Auflösung des dadaistischen Weltkongresses. Schüsse als Argumente.

GENF, im Januar. Der erste Weltkongreß der Dadaisten, der bekanntlich seit Anfang Dezember in der Grand salle des Eaux Vives in Genf tagte, fand kürzlich ein jähes Ende: er wurde polizeilich aufgelöst und wird zweifellos mehreren Teilnehmern ein gerichtliches Nachspiel eintragen. Und zwar mit Recht. Denn der Scherz (oder die Satire oder der Schabernack oder die Verrücktheit) war wirklich etwas zu weit getrieben worden. Es kam nämlich zwischen Tristan Tzara, dem Gründer des Dadaismus, und dem bekannten dadaistischen Philosophen Serner, dem Vorsitzenden des Kongresses, zu einem heftigen Wortwechsel, in dessen Verlauf Serner plötzlich einen Browning zog und vier blinde Schüsse auf Tzara abgab, der soviel Geistesgegenwart besaß, sofort vom Stuhl zu sinken. Die Folge war jedoch, daß die zahlreich besetzte Galerie, welche nicht daran zweifelte, daß scharf geschossen worden war, eine Panik ergriff, die nur durch das rasche und umsichtige Eingreifen einiger kluger Köpfe noch rechtzeitig eingedämmt werden konnte. Polizeiorgane, die unmittelbar darauf erschienen, räumten den Saal und brachten Serner und Tzara auf das in der Nähe befindliche Kommissariat, von wo sie, nach kurzem Verhör wieder freigelassen, von den auf der Straße wartenden Dadaisten im Triumph auf den Schultern bis zu ihrem Hotel getragen wurden. Tags darauf erschien zur allgemeinen Heiterkeit des Publikums in der »Tribune de Genve« ein geharnischter Artikel (freilich als bezahltes Inserat), unterzeichnet von den Dadaisten Francis Picabia, Paul Eluard, André Breton (Frankreich), Clément Pansaers (Belgien), Will Binyon (England) etc., in dem der Öffentlichkeit in einem sehr skurrilen Französisch mitgeteilt wurde, daß der Kongreß in geheimer Sitzung die Resolution gefaßt habe, die Verwendung von blinden Schüssen in dadaistischen Diskussionen sei nicht nur erlaubt, sondern sogar, weil erfrischend, erwünscht, allerdings nur unter der Bedingung, daß der Schießende sofort eine völlig neue dritte Meinung annehme. Man darf wahrlich gespannt sein, welcher Meinung die Genfer Gerichte sein werden. K. F.“ (Berliner Börsen-Courier, Nr.9, 7. 1. 1920.)

Der Vorfall auf dem Kongreß, der lediglich im Hirn des Vorsitzenden Serner, womöglich noch dessen Freund Christian Schad, bei dem Serner seinerzeit in Genf untergekommen war, existierte, hatte tatsächlich ein juristisches Nachspiel im Züricher Tages-Anzeiger, in dem am 4.2.1920 folgender Bericht zu lesen war, der, soweit überhaupt bekannt werden konnte, gleichfalls Hirn und Feder von Walter Serner entsprungen sein soll, dem begabten Promotor und Propagandisten, dem radikalsten Abwerter aller Werte, nebenbei auch einem Verfasser gezielter Falschmeldungen, mit denen sich im Kultur-, Polit- und Medienbetrieb allerlei Verwirrungen erzeugen läßt:

„Das Urteil im Genfer Dadaisten-Prozeß
Bei der am 29. Januar stattgefundenen Gerichtsverhandlung wurde der bekannte Dadaistenführer Dr. Serner, der, wie erinnerlich, gelegentlich des Dadaistischen Weltkongresses durch Abgabe blinder Schüsse eine Panik hervorgerufen hatte, zu einer Geldstrafe von 3000 Fr. verurteilt, im Nicht-zahlungsfalle zu drei Monaten Gefängnis. Nach der Urteilsverkündung hielt Dr. Serner eine kurze Ansprache, in der er u. a. äußerte, daß er, obwohl zu jeder besseren Biographie etwas Gefängnis gehöre, leider gezwungen sei, die Geldstrafe zu erlegen, daß er aber diesem Umstand gleichwohl dankbar sei, da eine längere Einzelhaft der Kontemplation und ähnlichen Ungezogenheiten zu sehr Vorschub leiste. Unter wilden Beifallskundgebungen der anwesenden Dadaisten und unter allgemeiner Heiterkeit des Publikums leerte sich der Saal. K. F.“ (Tages-Anzeiger, 4.2. 1920.)

© W.Sofsky

Lady Dada: Elsa von Freytag-Loringhoven

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Wolfgang Sofsky
Lady Dada: Elsa von Freytag-Loringhoven

Elsa1Obwohl die Geburtsstätte von Dada nach offizieller Geschichtsschreibung im Züricher Cabaret Voltaire lag und obwohl es in New York laut Man Ray niemals Dadamerika gegeben haben soll, mag sich der eine oder andere an eine Dame erinnern, die man als „Lady Dada“ titulieren kann oder als Proto-Punk-Lady, zumal ihrer schon damals als „Dadaqueen“ gehuldigt wurde: der Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven, einer Dichterin, Malerin, vor allem aber Performistin der allerersten Stunde, die außer ihren Bildern, Versen und Objekten vor allem sich selbst, ihren Körper, ihre Triebe, ihr Leben in eine Art Kunstwerk verwandelte, als Provokation gegen sittsamen Leumund und Geschmack.

Bevor sie im Juni 1910 nach den USA übersiedelte, wurde Elsa am 12.Juli1874 zufällig in Swinemünde geboren, als Tochter eines Maurermeisters und einer Pianistin, 1887 schrieb sie ihr erstes Gedicht und soll die Vorliebe ihres Vaters für obszöne Witze geteilt haben. Ein Jahr darauf begann sie zu rauchen, ihre Schulleistungen unter höheren Töchtern blieben ungenügend, im Alter von vierzehn ließ die Mutter allen weiblichen Familienangehörigen die Haare kurz schneiden. Zwei Jahre später versuchte die Pianistin, sich in der Ostsee zu ersäufen, vergeblich, sie starb 1893 an Krebs. Tochter Elsa indes brach ihr Kunststudium ab und rebellierte gegen die verordnete Wohlanständigkeit ihrer neuen Stiefmutter, indem sie sich hauptsächlich Männer in den Kopf setzte.

Ab 1894 arbeitete sie als „lebende Skulptur“, als Nacktmodell im Varieté und als Revuegirl im Berliner Central-Theater. Diverse Affairen führten sie ins Umfeld des George-Kreises, 1897 sah man sie als Marquise de Mondecar im Stadttheater Cottbus, 1898 verteilte sie die Libido auf zwei Schmitz-Brüder in Sorrent, dann malte sie Bilder unweit der römischen Piazza del Popolo, erotisch unterstützt von einem älteren Bildhauer. Im Februar 1900 verkehrte sie jeden Donnerstag im Haus der Dichters Karl Wohlskehl in München, im Herbst wurde sie Schülerin, Geliebte, schließlich Ehefrau des Berliner Architekten August Endell. Zu dieser Zeit begann sie, ausgefallene Kostüme zu entwerfen. 1902 erschien der Student Felix Greve am Liebeshimmel, ihre „Sex-Sonne“, was 1903 zu einem Selbstmordversuch des Ehegatten und schließlich zur Scheidung führte. In Neapel, Rom und Palermo folgten weitere Affairen mit wechselnder Besetzung. Mit Greve wohnte Elsa in einem Haus in Étables-sur-Mer, das André Gide den beiden besorgt hatte. Dort verfaßte Felix einen Roman namens „Fanny Essler“, deren Hauptperson niemand anderes als Elsa war. 1907 heirateten beide in Berlin, woraufhin Elsa nach einem Nervenzusammenbruch einige Zeit in einer Klinik verbrachte. Im Sommer 1909 täuschte Felix, um seinen Gläubigern zu entgehen, einen Selbstmord vor, einer in Elsas Umkreis bewährten Praxis, und verschwand nach Amerika, wohin ihm Elsa ein Jahr später nachfolgte.

Im Herbst 1911 verließ Felix Greve seine Ehegattin, die danach mit einigen Afroamerikanern in einem Zelt lebte und Englisch lernte. Im Winter 1912 zog sie endlich nach New York und heiratete Leopold Baron von Freytag-Loringhoven, wobei sie die noch ungeschiedene Ehe mit Felix verschwieg, sich selbst aber dafür elf Jahre jünger machte. Der Baron hatte wegen Spielschulden seine Offizierskarriere abgebrochen und war – wie Felix – in die USA ausgewichen, um sich dort als Chauffeur und Kellner zu betätigen. Auf dem Weg zur Eheschließung am 19.11.1913 kam es zu einer ungeplanten Kunstaktion. Elsa fand einen Eisenring und deklarierte ihn zum „objet trouvé“, zum „Enduring Ornament“. Es dürfte das erste Fundstück gewesen sein, das Eingang in die Kunstgeschichte fand. Ihr Ehemann meldete sich im Sommer zum deutschen Kriegsdienst zurück, erleichterte Elsa um ihre Ersparnisse und verbrachte, nachdem die französische Marine den Dampfer mit den deutschen Freiwilligen abgefangen hatte, die Kriegszeit im Kerker.

Der Kriegsbeginn im fernen Europa muß Elsas Kreativität forciert haben. Sie stand Modell, entwarf exzentrische Kostüme, verfaßte Gedichte, färbte ihr kurzes Haar in grellen Farben, schminkte die Lippen schwarz, klebte sich eine Briefmarke auf die Wange und führte mit einem blinkenden Rücklicht am Gesäß fünf Hunde an einer goldenen Leine auf der Straße spazieren: „Autos und Fahrräder haben Rücklichter, warum nicht ich?“ Im Dezember 1915 posierte sie für die „International News Photography“ in einer gestreiften, knielangen Hose, einem Fantasieoberteil und einer Fliegerkappe, in die sie eine Vogelfeder gesteckt hatte. Die „Times“ publizierte einen langen Artikel: „meine Ausdrucksform ist der Protest gegen alles Konventionelle“, ließ sie verlauten.

elsa3Im Winter 1915/16 wohnte sie im selben Haus wie Marcel Duchamp, mit dem sie nächtelang debattierte. Duchamp verweigerte sich jedoch standhaft ihren Verführungskünsten. 1916 lernte sie Djuna Barnes kennen und begann eine Affaire mit dem Maler Douglas Gilbert Dixon, der sich wegen ihr scheiden ließ. 1917 bewarb sich Elsa bei dem elf Jahre jüngeren Maler George Biddle in Philadelphia als Modell. Als sie sich vorstellte, wollte Biddle die 43jährige erst einmal nackt sehen. Sie öffnete den scharlachroten Regenmantel, unter dem sie nicht viel trug: Tomatenmarkdosen über den Brustwarzen, die mit grüner Schnur verknüpft waren, daran baumelte ein kleiner Käfig mit einem Kanarienvogel; am Arm einige Gardinenringe, die sie aus einem Kaufhaus entwendet hatte. Als sie den mit vergoldeten Karotten dekorierten Hut abnahm, kam ihr feuerrotes Kurzhaar zum Vorschein.

Im Frühjahr 1917 reichte Duchamp unter dem Kunsttitel „Fountain“ ein Urinal für die Jahresausstellung der Society of Independent Artists ein, den Prototyp eines Alltagsobjekts, das durch Kontextwechsel zum Antikunstwerk avancieren sollte. Die Idee sei von einer Freundin, schrieb Duchamp an seine Schwester Suzanne. Es könnte Elsa gewesen sein.duchampandfountain

In der Zwischenzeit wurde die Baroness der Spionage verdächtigt und drei Wochen eingesperrt. Im Juni 1918 stellte die „Little Review“ sie vor, Gedichte wurden veröffentlicht, um, wie es hieß, mit dieser „Wahnsinnskunst“ gegen den herkömmlichen Kunstbetrieb zu protestieren. Neben James Joyce galt Elsa einige Zeit als Galionsfigur der „Little Review“. Als sie von Jane Heap, der Herausgeberin des Magazins, zum ersten Mal empfangen wurde, trug sie einen schottischen Kilt, mit Möbelborten um die Gamaschen, langen Eisbecherlöffeln an der Baskenmütze und einem mit Schrot gefüllten Ring am Finger. „Vor ihrem Busen baumelten zwei Tee-Eier, von denen das Nickel abgeblättert war“, erzählte Heap später. Für ihr Dasein als öffentliche Person rasierte sich Elsa das Haupthaar ab und färbte die Glatze mit Zinnober.

Als im Mai 1919 in dem Gedicht „König Adam“ eine „klitorisgesteuerte“ Frau ihren Liebhaber zu Cunnilingus aufforderte, fiel dies in mehreren US-Bundesstaaten unter die Zensur. Viele ihrer Werke blieben unveröffentlicht. In „Ein Dutzend Cocktails“ schrieb sie über Kondome (Kein Jungfernlolly für mich – Ja – wir haben keine Bananen, mein Mund ist lüstern – Ich esse sie immer – – – – Sie haben prima Zelluliodschläuche – alle Größen – Diabolisch gefärbt wie der Hintern eines Pavians.“). Im April 1921 war Elsa in dem von Man Ray und Duchamp herausgegebenen Heft „New York Dada“ mit einem Gedicht und zwei Abbildungen vertreten, die beiden Männer drehten obendrein einen Film: „Elsa, Baroness von Freytag-Loringhoven, ihr Schamhaar rasierend“. 1922 schrieb Ezra Pound ein Dada-Gedicht über sie. Im Mai 1924 veröffentlichte Hemingway gegen den Willen des Herausgebers Ford Madox Ford drei von Elsas Gedichten in der „Transatlantic Review“ und riskierte damit seinen Job als Redaktor.

Elsas exzentrische Aktivitäten blieben nicht unumstritten. „Eine tödliche Attacke auf die Kunst“, schimpfte die Kritikerin Lola Ridge, für die Dichterin Evelyn Scott war die Baroness „bloß eine nackte Orientalistin, die im Sextanz ihrer Religion feierlich unanständige Gesten macht“. Ganz anders Jane Heap: „Die Baroness ist die erste amerikanische Dada, sie ist die Einzige auf der Welt, die sich Dada kleidet, Dada liebt, Dada lebt.“

Schon im April 1923 war die Elsa nach Berlin zurückgekehrt, beantragte erfolglos eine Kriegswitwenrente, wurde von ihrem Vater enterbt, schlug sich als Zeitungsverkäuferin auf dem Kudamm durch. Djuna Barnes schickte ihr Pakete mit Kleidern, Büchern und Geld. Auch Peggy Guggenheim half ihr aus der Ferne. Im Juli 1924 beantragte sie im französischen Konsulat ein Visum, mit einem Kuchen und brennenden Kerzen auf dem Kopf. Nach einem Raubüberfall wurde sie von Angstattacken heimgesucht, infolge eines Zusammenbruchs auf offener Straße wies man sie in eine Anstalt ein, nach der Entlassung blieb sie völlig verarmt weiter auf die Hilfe ihrer Freunde angewiesen. Im April 1926 reiste sie nach Paris, traf Djuna Barnes und die Surrealistin Mary Reynolds, eröffnete eine Schule für Aktmodelle, die nach zwei Monaten jedoch wieder geschlossen werden mußte. Am 14. Dezember starb Elsa von Freytag-Loringhoven in ihrer Pariser Wohnung an einer Gasvergiftung, mit ihr starb Pinky, ihr Lieblingshund.

elsa2limbswishIm New Yorker Museum of Modern Art, in Philadelphia und in privaten Sammlungen sind Objekte der Dada-Lady erhalten geblieben, darunter das „Limbswish Ornament“ aus dem Jahr 1920, eine 55 Zentimeter hohe Metallfeder, die sich um eine troddelige Vorhangquaste windet. Das Stück war ursprünglich an einem gebogenen Draht befestigt; Elsa trug es, statt eines Colts, an einem Hüftgürtel wie eine Art Unterleibspeitsche. So bewaffnet, stolzierte sie die Fifth Avenue entlang, womöglich hat sie sich der Empfehlung erinnert, daß, wer hinaus zu den Männern gehe, die Peitsche nicht vergessen solle.

© W.Sofsky 2016

Dada-laika

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Wolfgang Sofsky
Dada-laika

henningsundBallAm 9.2.1916 erscheint in der „Neuen Zürcher Zeitung“, welche das Treiben in der Spiegelgasse 1 regelmäßig mit wohlwollender Aufmerksamkeit verfolgen wird, unter „Lokales“ eine Kritik des ersten Abends im „Club Voltaire“:

„Am Abend des 5.Februar fand die Eröffnung des neuen Künstlerkabaretts „Voltaire“ statt, das nach dem Vorbild des Münchner „Simplizissimus“ unter Leitung des früheren Dramaturgen der Münchner Kammerspiele, Herrn Ball, Zürich wiederum um eine interessante und unterhaltende Geistes- und Vergnügungsstätte bereichert. Das Programm des Abends bildeten in abwechselnder Reihenfolge Rezitationen von Voltaire, dem Patron des Kabaretts, Wedekind und anderen, vorgetragen durch Herrn Ball, sowie Vorträge von Liedern und Prosa ernster und heiterer Natur. Herr Ball, der auch aus eigenen Manuskripten vorlas, durfte ebenfalls der lebhaften Aufnahme seiner Dichtungen sich erfreuen. Eine angenehme und freudig begrüßte Abwechslung bildete das aus sechs russischen Herren bestehende Balalaika-Orchester mit Gitarrebegleitung, die ihren Vortrag in wirklich vorzüglicher Weise zur Geltung brachten. Reichen Beifall fand auch das von diesen Herren dargebrachte Solospiel. Die ungetrübte Freude der Anwesenden, die in lebhaftem Beifall der Vorträge Ausdruck fand, die animierte Stimmung bewies, daß das Kabarett dem Anfang nach zu schließen, eine gewisse künstlerische Höhe zu halten sich bestrebt.“

Neben Ball und den Balalaikisten traten an diesem Abend, dem Geburtstag von Dada Zürich, noch auf: Tristan Tzara, Verse älteren Stils aus den Rocktaschen zusammensuchend, Emmy Hennings, Lieder zur Laute singend, Riesa Helm, Lieder am Flügel darbietend, Paul Gloor, Rachmaninow und Saint-Saens spielend, sowie der „Revoluzzer Chor“. Zu sehen waren obendrein Werke von Hans Arp, der auch Zeichnungen von Picasso und Eli Nadelmann geliehen hatte), Otto Baumberger, Giacometti, Edwin Keller, Leu Leuppi, Konrad Meili, Oppenheimer, van Rees, Schlegel, Segal, Henry Wabel und Slodki, der bekanntlich das Plakat entworfen hatte. Täglich außer freitags sollten nun Veranstaltungen stattfinden, Einnahmen brachten zunächst nur die Garderobengebühren, dann auch Eintrittspreise.

Von den Lesungen des Literaturbetriebs, wie sie auch noch von den Expressionisten gepflegt wurden, unterschied sich das Nummerncabaret grundlegend. Die Rezitation war keine Interpretation eines heiligen Textes, sondern eine Bühneninszenierung mit Lichtdramaturgie, Requisiten, Improvisation, Vortragsperfomanz, zu der dann auch Masken, Puppen, Kostüme, Trommeln etc. gehörten. Ein Abend verknüpfte Literatur, Musik, Tanz, Skulptur, Bild zu einer Art „Gesamttheaterwerk“, dessen Ort die Bühne war. Darin bestand die erste ästhetische Innovation gegenüber dem etablierten Hochkultbetrieb.

© W.Sofsky 2016

Neueröffnung: Cabaret Voltaire

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Wolfgang Sofsky
Neueröffnung: Cabaret Voltaire

kunstlerkneipevoltaireAm 3.2.1916 erscheint in der „Neuen Zürcher Zeitung“ eine Vorankündigung. Der zuständige Redakteur paraphrasierte, wie gewohnt, die Presseerklärung des Veranstalters:

„Künstlerkneipe Voltaire. Unter diesem Namen hat sich im Saale der „Meierei“ an der Spiegelgasse 1, eine Gesellschaft junger Künstler und Literaten etabliert, deren Ziel es ist, einen Mittelpunkt für die künstlerische Unterhaltung und den geistigen Austausch zu schaffen. Das Prinzip der Künstlerkneipe soll sein, daß bei den täglichen Zusammenkünften musikalische und rezitatorische Vorträge der als Gäste verkehrenden Künstler stattfinden, und es ergeht an die junge Künstlerschaft Zürichs die Einladung, sich ohne Rücksicht auf eine besondere Kunstrichtung mit Vorschlägen und Beiträgen einzufinden. Die artistische Leitung liegt in Händen des früheren Dramaturgen der Münchner Kammerspiele Hugo Ball. Die Eröffnung findet kommenden Samstag, 5.Februar, statt.“

Von den subversiven Absichten und Folgen ist in dieser gesitteten Voranmeldung nichts zu erkennen. Ästhetischer Synkretismus und der Geist des Tingeltangel sollten als Vehikel für die Wiedergeburt der Künste dienen – und des ganzen Lebens. Das Wechselspiel des Cabarets bot die Chance, so Ball, „sich immer mehr herauszuarbeiten“, Abend für Abend: „Damit werden wir diese alberne Welt umschmeissen.“

© WS 2016

Francis Picabia: Dada – nichts

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Francis Picabia
Dada – nichts

picabiaObwohl sich, was die 100jährige Jahrestagschronologie anbelangt, noch gar nicht die Frage stellt, wat Dada nu is, weil das Wort am 1.2.1916 noch gar nicht entdeckt war, kann man sich, im historischen Vorblick, schon einmal die Frage stellen, ob Dada überhaupt etwas oder vielmehr nichts war. Francis Picabia hatte hierzu eine eindeutige Meinung. 1920 erschien im Dada-Almanach folgende Feststellung.

„Dada ist wie Euere Hoffnungen: nichts
wie Euer Paradies: nichts
wie Euere Idole: nichts
wie Euere politische Führer: nichts
wie Euere Helden: nichts
wie Euere Künste: nichts
wie Euere Religionen: nichts.“

Diese kleine Manifestation, Dada neigte stets dazu, Manifeste zu manifestieren, sagt, wie ersichtlich, daß nicht nur Dada nichts ist, sondern was alles auch nichts ist: die Künste, die Religionen, die Idole, Hoffnungen, von irgendwelchen Anführern ganz zu schweigen. Nichts ist mit alledem, weswegen es sich, streng genommen, auch nicht weiter lohnt, über derlei Nichtigkeiten noch weitere Worte zu verlieren.

© WS 2016

 

Dada – „auf Zusehen hin“

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Wolfgang Sofsky
Dada – „auf Zusehen hin“

spiegelgasse1Im Züricher Stadtarchiv findet sich ein Polizei-Protokoll vom 28.1.1916 über die offizielle Genehmigung eines Antrags des Wirts der „Meierei, der Holländischen Weinstube“, zur Eröffnung einer „Künstlerkneipe“:

„Jean Ephraim, Wirt zur „Meyerei“, Spiegelgasse 1, teilt mit Eingabe vom 19. Januar mit, dass eine Anzahl Künstler & Literaten (Gäste der Meyerei) mit der Bitte an ihn herangetreten seien, den im Parterre befindlichen Saal, der zurzeit zu Wirtschaftszwecken nicht benutzt werde, in eine „Künstlerkneipe“ umzuwandeln, in welcher Künstler & Literaten ihre eigenen Erzeugnisse vortragen könnten & wo namentlich junge Künstler Gelegenheit erhielten, in der Öffentlichkeit bekannt & genannt zu werden. Bestimmte Veranstaltungen seien nicht vorgesehen, auch sei kein Erwerb beabsichtigt; die Vorträge würden spontane sein, abhängig von der Anwesenheit & dem Willen der als Gäste verkehrenden Künstler. Ephraim ersucht um Zulassung des Unternehenns.

Das kann versuchsweise zugestanden werden, da es sich nicht um Produktionen im Sinne des Art. 106 der Allgemeinen Polizeiverordnung handeln soll & auch in gewöhnlichen Wirtschaftsbetrieben zufälliges Klavierspiel, Singen oder Deklamieren von Gästen, wenn damit nicht Erwerbszwecke in dieser oder jener Form verbunden sind, keiner polizeilichen Bewilligung bedarf. Zu den vorgesehenen Anlässen darf aber nicht öffentlich eingeladen werden & und sie dürfen auch die Nachbarschaft nicht stören. Sie sind unter fleissiger Kontrolle zu halten. Die Duldung muß auf Zusehen hin erfolgen, sollte sich herausstellen, dass Produktionen veranstaltet werden, die bewilligungs- & gebührenpflichtig sind, würde sie dahinfallen. Selbstverständlich ist, dass bei den Veranstaltungen auch die Polizeistunde einzuhalten ist & Ruhestörungen im Sinne des Art 102 der Polizeiverordnung vermieden werden müssen.
Der Polizeivorstand, gemäss Antrag des Gewerbekommissariats & des Beamten für Wirtschaftspolizei verfügt: 1. Dem Gesuche Ephraim’s wird im Sinne der Erwägung auf Zusehen hin entsprochen. 2. Mitteilung an das Polizeiinspektorat, das Gewerbekommissariat, den Beamten für Wirtschaftspolizei & an J.Ephraim, zur „Meyerei“.“

Nach Erhalt der Genehmigung auf „Zusehen hin“ machten sich Emmy Hennings, Hugo Ball und andere daran, die Decke blau und die Wände schwarz einzufärben. Ball lud Resi Langer, Karl Kraus, R. Huelsenbeck und F. Busoni zur Mitwirkung ein. Keiner wußte, daß der kleine Saal für 15 bis 20 Tische, 35 bis 50 Besucher und einer Bühne von zehn Quadratmetern die Geburtsstätte des Dadaismus werden würde.

© W.Sofsky 2016

Vor Dada – Hugo Ball: Wir Bohrlinge und Hellseher

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Wolfgang Sofsky
Vor Dada – Hugo Ball: Wir Bohrlinge und Hellseher

HBall1916Bevor Dada da war, war schon Dada da. Ein Jahr vor der Eröffnung des Club Voltaire in Zürich im Februar 1916, einem demnächst wahrlich zu würdigenden Jahrestag, an dem sich die Welt an die Ururfrage erinnern kann „Wat is Dada“, proklamierten Hugo Ball und Richard Huelsenbeck im Februar 1915 in der Berliner Uhlandstraße ein „Literarisches Manifest“, das schon Dada war, ohne daß Dada schon da war:

Ein literarisches Manifest
„Es soll der Presse und dem Publikum durch unser Auftreten gezeigt werden, daß es Persönlichkeiten gibt, die die Sache der „jüngsten“ Literatur auch im Kriege weiterführen. Diese jüngste Literatur hat eine ganz bewußte Tendenz. Diese Tendenz: Expressionismus, Buntheit, Abenteuerlichkeit, Futurismus, Aktivität, Dummheit (gegen die Intellektualität, gegen die Bebuquins, gegen die gänzlich Arroganten). Wir wollen: Aufreizen, umwerfen, bluffen, triezen, zu Tode kitzeln, wirr, ohne Zusammenhang, Draufgänger und Negationisten sein. Unsere Sache ist die sache der Intensität, der Nüstern, der Askese, des methodischen Fanatismus, der Flaggen und Konspirationen. Wir werden immer „gegen“ sein. Wir werden die geistige Führerschaft an uns nehmen. Wir werden zu Felde ziehen gegen die Gehirnwesen, Geistlinge, Systemlinge. Gegen die Aktionierer und lyrische Tenöre. Gegen die „Programmatiker“ und Sektenbildner. Wir ergreifen die Partei der Bilderstürmer und jeglicher Radikalisten. Wir propagieren den Stoffwechsel, den Saltomortale, den Vampyrismus und alle Art Mimik. Wir sind nicht naiv genug, an den Fortschritt zu glauben. Wir haben es nur mit dem „Heute“ zu tun. Wir wollen sein: Mystiker des Details, Bohrlinge und Hellseher, Antikonzeptionisten und Literaturstänker. Wir wollen den Appetit verderben an aller Schönheit, Kultur, Poesie, an allem Geist, Geschmack, Sozialismus, Altruismus und Synonymismus. Wir gehen los gegen alle „ismen“ Parteien und „Anschauungen“. Negationisten wollen wir sein.“

© WS 2015

Hugo Ball: Das Gespenst

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Hugo Ball
Das Gespenst

Gewöhnlich kommt es, wenn die Lichter brennen.
Es poltert mit den Tellern und den Tassen.
Auf roten Schuhen schlurrt es in den nassen
Geschwenkten Nächten und man hört sein Flennen.

Von Zeit zu Zeit scheint es umherzurennen
Mit Trumpf, Atout und ausgespielten Assen.
Auf Seil und Räder scheint es aufzupassen
Und ist an seinem Lärmen zu erkennen.

Es ist beschäftigt in der Gängelschwemme
Und hochweis weht dann seine erzene Haube,
Auf seinen Fingern zittern Hahnenkämme,

Mit schrillen Glocken kugelt es im Staube.
Dann reißen plötzlich alle wehen Dämme
Und aus der Kuckucksuhr tritt eine Taube.

hugoballHugo Ball hatte die Verse schon früher schreiben wollen, doch war es dazu nicht gekommen. Im Januar 1924 verfaßte er das Gedicht als fünftes der sieben „Schizophrenen Sonette“, die er im Juli seinem Freund Hermann Hesse zum 47.Geburtstag schenkte. An jedem Abend hatte er ein Gedicht geschrieben, „den Tag über tat ich nicht so viel“. Ball war damal längst zum Katholizismus rekonvertiert und befaßte sich mit der Mystik, nicht zuletzt jener der frühen Wüstenväter.

Ball absolvierte ein bewegtes, avantgardistisches, antigermanisches Leben mit zahlreichen Kehrtwenden. So recht dingfest war dieser unstete Geist nie zu machen. Der Sohn eines Pirmasenser Schuhfabrikanten studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in München und Heidelberg und brach eine Dissertation über Nietzsche ab, weil ihm „der Wissensbetrieb… erstorben schien.“ 1910 lernte er die Schauspielerei – bei Max Reinhardt -, was ihm im Abschlußzeugnis die Bescheinigung einbrachte, daß er „als Hilfskraft für Regie, Dramaturgie und Verwaltungsfragen bestens empfohlen werden“ könne. Ball verhalf Wedeking zum Bühendurchbruch, war Dramaturg in Plauen und an den Münchener Kammerspielen. Mit Kandinsky plante er einen Almanach als Ergänzung zum „Blauen Reiter. 1914 meldete er sich freiwillig, wurde jedoch für „untauglich“ befunden; er schrieb Lyrik für Berliner Zeitschriften, gab mit Richard Huelsenbeck literarische Abende und widmete sich, nachdem er einen Freund im Kriegslazarett besucht hatte, dem Anarchismus, vorzugsweise den Schriften Bakunins und Kropotkins. Im Mai 1915 emigrierte er nach Zürich und trat als Dichter und Klavierbegleiter seiner Gefährtin und späteren Ehegattin Emmy Hennings auf . Ende Januar 1916 mieteten beide die “Meierei” in der Zürcher Spiegelgasse 1, um ein eigenes literarisches Kabarett zu gründen. Am 5. Februar 1916 wurde die “Künstlerkneipe Voltaire” eröffnet, die später in “Cabaret Voltaire” umbenannt wurde. Zunächst arbeitete Ball ohne festes Ensemble, bis sich schließlich Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Marcel Janco und Tristan Tzara hinzugesellten. Im Mai 1916 stand zum ersten Mal das Wort “Dada” im Programmheft, am 23. Juni trug Ball im Cabaret Voltaire seine Lautgedichte vor. Ein Jahr später zog er sich, nach Streitigkeiten mit Tzara zurück und und geißelte den „Dadaismus“ als Auswuchs der „schlimmsten Bourgeoisie“. Nach der Zertrümmerung des Tiefsinns der Worte leitete er den Berner Verlag der „Freien Zeitung“ und stritt in „Zur Kritik der deutschen Intelligenz“ wortreich wider das preußisch – protestantische Pangermanentum seit Luther, Hegel, Bismarck, Marx u.a. Von 1920 an wohnte er, unterbrochen von Aufenthalten in Italien und Deutschland, meist im Tessin, arbeitete zum „Byzantinischen Christentum“, verfaßte eine Hesse-Biographie und eine Art Autobiographie namens „Die Flucht aus der Zeit“. 1927 starb er, 41jährig, an Magenkrebs.

© W.Sofsky 2015